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    Leitartikel: Den Teufel zur Chefsache gemacht

    In Polen wird es bald ein Ausbildungszentrum für Exorzisten geben. In Rom ist man sensibel für das Wirken des Bösen. Das sollte nicht Angst, sondern Mut machen. Von Stefan Meetschen

    Jesus hat es gemacht. Heilige, wie der Pfarrer von Ars oder Pater Pio, ebenso. Weshalb es nicht überrascht, dass in vielen Ländern der Welt auch heute noch Priester von ihren Bischöfen dazu bestimmt werden, Exorzismen zu beten. Sprich: bei bestimmten Menschen Dämonen auszutreiben, wenn sich vorher gezeigt hat, dass man mit herkömmlicher Seelsorge und Psychologie an unüberwindbare Grenzen der Heilung stößt.

    Eines der Länder, in denen es ganz selbstverständlich Exorzisten gibt, ist Polen, wo Andrzej Czaja, der Bischof von Oppeln und Vorsitzende der Kommission für die Glaubenslehre der Polnischen Bischofskonferenz, nun bekannt gegeben hat, dass es zukünftig in Polen sogar ein nationales Ausbildungszentrum für Exorzisten geben wird. In dem Zentrum mit Sitz in Schlesien werden die betreffenden Geistlichen ihr Wissen verfeinern können. Diskret, sachlich und sensibel, wie es für den Exorzismus-Dienst angemessen ist. Umso mehr, da er in Film und Fernsehen gern in ein mysteriöses Licht gesetzt wird. Nun ist Polen, wo die Mundkommunion genauso zur Hl. Messe gehört, wie das Gebet zum Erzengel Michael und wo es sogar ein Magazin namens „Exorzist“ (Egzorcysta) gibt, nicht Deutschland, Österreich oder die Schweiz. Es lässt sich aber auch in diesen Ländern ein verstärktes Interesse am Dienst des Exorzismus beobachten. Vielleicht sogar – aufgrund des Esoterik-Booms – eine wachsende Notwendigkeit, auf welche die Pfingstler mit dem sogenannten „Befreiungsdienst“ zeitig reagiert haben. Hat der Pontifex aus Argentinien, der zu diesen Brüdern und Schwestern einen guten Kontakt pflegt, deshalb den Kampf gegen den Teufel, den er immer wieder in Predigten erwähnt, zur Chefsache gemacht? Will er für die Kirche verloren wirkendes Terrain jesuitisch geschickt zurückerobern? Das wäre ein seelsorgerlich höchst verdienstvolles Anliegen – gerade in Deutschland aber wohl ein nur schwer zu Verwirklichendes. Ausgerechnet der Jesuit nämlich, der mit „Dämonische Besessenheit heute“ das weiterhin gültige Standard-Werk zu diesem Themenfeld verfasst hat, Adolf Rodewyk (1894–1989), geriet durch den spektakulären Tod von Anneliese Michel in ein trübes, öffentliches Licht. Was weder für noch gegen die Berechtigung von Exorzismen spricht, aber die anhaltende Zurückhaltung deutscher Hirten erklärt.

    Seit dem „Fall Michel“ scheuen sie Aktionen rund um den Teufel wie dieser selbst das sprichwörtliche Weihwasser.

    Kann sich trotzdem etwas ändern? Ein neues Exorzismus-Verständnis aufbrechen? Auch hierzulande? Interessant ist jedenfalls, dass unabhängig von nationalen Grenzen zwei Gruppen in der Kirche, die sich eigentlich sehr unterscheiden, sensibel sind für die Notwendigkeit dieses geistlichen Dienstes: die Charismatiker und die Traditionsbewussten. Bischof Czaja ist ein Kenner des deutschen Konzils-Theologen Heribert Mühlen, einem frühen Mentor der Charismatischen Erneuerung in der Kirche. Gabriele Amorth hingegen, der lange Zeit im Vatikan Exorzismen lehrte und durchführte, schwor auf das „Rituale Romanum“. Geist und Tradition – im Kampf gegen das Böse stehen sie nicht im Widerspruch zueinander. Das macht auch im deutschsprachigen Raum Mut.

     
    Bearbeitet von Dr. Stefan Meetschen

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