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    Leitartikel: Brücken statt Konfrontation

    Auf dem Flug von Havanna nach Mexiko-Stadt haben die mitfliegenden Journalisten einen begeisterten Papst erlebt. Soeben hatte dessen erste und wirklich historisch zu nennende Begegnung mit dem Patriarchen von Moskau stattgefunden, und zu der gemeinsam unterzeichneten Erklärung sagte Franziskus den Medienleuten: „Es wird viele Interpretationen geben... Aber sie war nicht politisch und auch nicht soziologisch. Es war eine pastorale Erklärung, auch dort, wo sie von der Säkularisierung und den biogenetischen Manipulationen spricht. Es ist eine pastorale Erklärung zweier Bischöfe, die sich wie Brüder begegnet sind. Ich war glücklich...“.

    Guido Horst. Foto: DT

    Auf dem Flug von Havanna nach Mexiko-Stadt haben die mitfliegenden Journalisten einen begeisterten Papst erlebt. Soeben hatte dessen erste und wirklich historisch zu nennende Begegnung mit dem Patriarchen von Moskau stattgefunden, und zu der gemeinsam unterzeichneten Erklärung sagte Franziskus den Medienleuten: „Es wird viele Interpretationen geben... Aber sie war nicht politisch und auch nicht soziologisch. Es war eine pastorale Erklärung, auch dort, wo sie von der Säkularisierung und den biogenetischen Manipulationen spricht. Es ist eine pastorale Erklärung zweier Bischöfe, die sich wie Brüder begegnet sind. Ich war glücklich...“.

    Tatsächlich: Angesichts des Leidens vieler Christen im Orient und in Nordafrika, angesichts der Gewalt in Syrien und im Irak, angesichts des angeblich religiös begründeten Terrorismus und der Flüchtlingskatastrophe – also angesichts des dramatischen Zustands der Welt von heute – haben sich zwei Kirchenführer der Christenheit entschlossen, die Lasten der Vergangenheit, theologische Meinungsverschiedenheiten und die Spannungen zwischen Orthodoxen und Griechisch-Katholischen beiseite zu lassen und gemeinsam ein Zeichen für das in Gefahr stehende Ganze zu setzen. Aus ihrer pastoralen Verantwortung für die Menschen heraus. Um in Zukunft auch zu den großen Weltfragen – den galoppierenden ethischen Relativismus und die Ausbeutung der Schutzlosen eingeschlossen – gemeinsam Stellung zu nehmen. Man wird darauf hinweisen dürfen, dass die katholische Seite, der lateinische Papst, schon früher dazu bereit gewesen wäre. Aber durch die russisch-orthodoxe Hierarchie scheint ein Ruck gegangen zu sein. Die Not war jetzt größer als der Stolz, immer nur auf den eigenen Positionen zu beharren.

    Natürlich hört und liest man in diesen Tagen und sicherlich auch noch in Zukunft kritische Fragen: Was das denn für ein Treffen war, das der kubanische Präsident wohl mit dem Segen Wladimir Putins eingefädelt hat. Ob der Vatikan denn jetzt auf der Seite der Kontrahenten des Westen stehe? Und viele in der Ukraine werden nicht glücklich sein mit der gemeinsamen Erklärung von Franziskus und Kyrill. Der „Uniatiismus“, dem die griechisch-katholische Kirche ihre Entstehung verdankt, wird als heutiger Weg zur Einheit abgelehnt, die Treue dieser Kirche zum Papst bis hin zum Martyrium in der Stalin-Zeit aber nicht mit einem Wort erwähnt – genauso wenig wie die russische Aggression auf der Krim. Aber genau diesen politischen Interpretationen hat Franziskus auf dem Flug nach Mexiko-Stadt eine Absage erteilt. Die ökumenische Bilanz seines gerade einmal dreijährigen Pontifikats ist beachtlich. Er hat eine Brücke zu den Evangelikalen geschlagen, die im (!) Vatikan Tagungen zu Ehe und Familie mitveranstalten können. Er steht im guten Gespräch mit den Lutheranern. Und hat jetzt einen vielleicht noch wichtigeren persönlichen Draht zur Spitze der russischen Orthodoxie. Abgesehen davon, dass die vatikanische Diplomatie deswegen auch für den Westen noch wichtiger geworden ist, ist die Botschaft die: Wenn Katholiken und Orthodoxe über jahrhundertealte Gräben Brücken schlagen können, dann können das andere auch. Wenn Papst und Patriarch tausend Jahre Konkurrenz beenden, um großen Herausforderungen zu begegnen, ist das vorbildhaft.