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    Leitartikel: Bertones magere Bilanz

    Es gibt solche, die in ein hohes Amt hineinwachsen, und solche, die den Anforderungen einer großen Aufgabe nicht gerecht werden. Wie diese Frage im Fall des scheidenden Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone zu beantworten ist, hat auch Auswirkungen darauf, welche Bilanz man nach dem Pontifikat des deutschen Papstes zu ziehen hat. Die Leitung der katholischen Weltkirche ist kein Mysterienspiel und die Geschichte, auch die Kirchengeschichte, ist bei der analysierenden Bewertung einer Ära unerbittlich.

    Es gibt solche, die in ein hohes Amt hineinwachsen, und solche, die den Anforderungen einer großen Aufgabe nicht gerecht werden. Wie diese Frage im Fall des scheidenden Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone zu beantworten ist, hat auch Auswirkungen darauf, welche Bilanz man nach dem Pontifikat des deutschen Papstes zu ziehen hat. Die Leitung der katholischen Weltkirche ist kein Mysterienspiel und die Geschichte, auch die Kirchengeschichte, ist bei der analysierenden Bewertung einer Ära unerbittlich.

    Ein Blick zurück: In den beiden Jahren nach seinem Amtsantritt stand Benedikt XVI. bei der Suche nach einem Staatssekretär als Nachfolger von Kardinal Angelo Sodano vor einer schwierigen Situation: Ein geeigneter Kandidat aus den Reihen der päpstlichen Diplomatie bot sich kaum an – im Grunde gab es keinen. Als Papst war der langjährige Präfekt der Glaubenskongregation in eine ihm nicht fremde, aber „anders gelagerte“ Umgebung gewechselt, Staatssekretariat und Glaubenskongregation hatten in den zurückliegenden Jahren nicht immer an einem Strang gezogen. In dieser Lage machte Papst Benedikt das, was in Deutschland auch ein SPD-Landrat machen würde, der an die Spitze eines von der CSU dominierten Landratsamts wechselt, oder ein CDU-Bürgermeister, der ein SPD-lastiges Rathaus übernimmt: Er holt sich einen Mann des absoluten Vertrauens an seine Seite. Für Joseph Ratzinger war das sein ehemaliger „zweiter Mann“ in der Glaubenskongregation: Tarcisio Bertone.

    Als Kardinalstaatssekretär macht Bertone bald zwei Erfahrungen, die ihm als Erzbischof von Genua nicht fremd gewesen waren, die sich nun aber potenzierten: Zunächst die Macht. So wies er die italienischen Bischöfen an, dass nicht die nationale Bischofskonferenz, sondern das Staatssekretariat – sprich: er selber – für die Beziehungen zur italienischen Politik zuständig sei. Dass man auf dem römischen Parkett Bertone als „papone“ – „großer Papst“ – und Benedikt als „papino“ – „kleiner Papst“ – bezeichnete, ist bösartig, beleuchtet aber etwas den Stil, mit dem Ratzingers „Alter ego“ aufzutreten pflegte.

    Die zweite Erfahrung: das Geld. Ein Staatssekretär hat von Amts wegen viel damit zu tun. Bertone gefiel das. Als er 2011 das in Millionenhöhe verschuldete Krankenhaus San Raffaele einem vatikanischen Gesundheits-Konzern einfügen wollte, wurde das verhindert, aber es zeigt seine Freude an finanziellen Abenteuern.

    Im „Fall Williamson“ hat Bertone versagt. Aber wurde er selber gut beraten? Auch ein damals viel reisender Staatssekretär lebt von treuen und fähigen Mitarbeitern. Der ehemalige Theologe und Mann der Seelsorge hat den diplomatischen Apparat des Staatssekretariats nicht richtig in den Griff bekommen. Einflussreiche Kardinäle gaben Benedikt XVI. den Rat, Bertone auszutauschen. Der Papst hielt an seinem treuen Mitarbeiter fest. Aber wie treu war der wirklich? Immer wenn es Papst Benedikt öffentlich zu verteidigen galt, taten das andere. Bereits im zurückliegenden Vorkonklave war klar, dass der kommende Papst die Kurie reformieren und einen neuen Staatssekretär bestellen müsse. Letzteres hat Franziskus nun getan. Und das ziemlich schnell.