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    Leitartikel: Armenische Lektionen

    Eine Überraschung waren die heftigen Reaktionen aus der Türkei wohl nicht. Die Bundestagsabgeordneten, die am Donnerstag den „Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten in den Jahren 1915 und 1916“ sowie die deutsche Mitverantwortung thematisierten, wussten, dass sie damit einen NATO-Partner und wichtigen Nachbarn Europas verärgern würden. Aber Deutschland hat aus seiner Geschichte gelernt: etwa dass die Heroisierung und Glorifizierung der eigenen Geschichte auf Kosten der Nachbarn nur Hass, Feindschaft und Krieg hervorbringt, dass die Verharmlosung eigener Verbrechen und die Umdeutung der eigenen Schuldgeschichte zu immer neuen Katastrophen führt. Aus der eigenen, schuldbehafteten Geschichte hat Deutschland Konsequenzen gezogen, hat das ungeschminkte Schuldeingeständnis als Voraussetzung für Versöhnung und Frieden erkannt.

    Eine Überraschung waren die heftigen Reaktionen aus der Türkei wohl nicht. Die Bundestagsabgeordneten, die am Donnerstag den „Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten in den Jahren 1915 und 1916“ sowie die deutsche Mitverantwortung thematisierten, wussten, dass sie damit einen NATO-Partner und wichtigen Nachbarn Europas verärgern würden. Aber Deutschland hat aus seiner Geschichte gelernt: etwa dass die Heroisierung und Glorifizierung der eigenen Geschichte auf Kosten der Nachbarn nur Hass, Feindschaft und Krieg hervorbringt, dass die Verharmlosung eigener Verbrechen und die Umdeutung der eigenen Schuldgeschichte zu immer neuen Katastrophen führt. Aus der eigenen, schuldbehafteten Geschichte hat Deutschland Konsequenzen gezogen, hat das ungeschminkte Schuldeingeständnis als Voraussetzung für Versöhnung und Frieden erkannt.

    Es ist die historische Täter-Rolle Deutschlands, die das heutige Verhältnis der Bundesrepublik zu Israel prägt, und die die Unbedingtheit der Versöhnung mit Frankreich und Polen geformt hat. Den Auftritt Konrad Adenauers und des französischen Präsidenten Charles de Gaulle 1962 bei der Versöhnungsmesse in der Kathedrale von Reims und den Kniefall Willy Brandts 1970 am Ehrenmal der Helden des Ghettos in Warschau sieht man in Deutschland als Erweis wahrer Größe. Solche Größe würde man auch der Türkei wünschen: Könnte sie anerkennen, dass das Vorgehen der jungtürkischen Regierung ab 1915 eine „planmäßige Vertreibung und Vernichtung von über einer Million ethnischer Armenier“ (so die Bundestags-Resolution) war, und insofern „beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist“, so wäre das kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Es wäre nicht Vaterlandsverrat, sondern souveräne Weichenstellung für die Versöhnung mit dem Nachbarn Armenien und mit Millionen Armeniern in der weltweiten Diaspora.

    Allein, die Reaktionen aus der Türkei zeigen, dass Ankara von einer solchen Sicht weit entfernt ist. Nicht nur, weil die türkische Republik in der Rechtsnachfolge des Osmanischen Reiches steht oder weil Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk den Nationalismus der jungtürkischen Bewegung fortführte: Die heroisierende Umdeutung der eigenen Nationalgeschichte und die aggressiven Abwehrreflexe gegen jede Art differenzierender Geschichtsaufarbeitung sind klassische Merkmale des pseudoreligiös überhöhten Nationalismus. Die irrationale Glorifizierung je eigener Geschichte hat im 20. Jahrhundert zu Kriegen und Vertreibungen geführt, ja zum Versuch, die Identität anderer Völker auszulöschen. Heute lassen sich solche Tendenzen nicht nur in der Türkei beobachten, sondern auch etwa in Russland und Serbien. Eine solche Umdeutung der eigenen Geschichte, die jede Behauptung von Schuld als Akt böswilliger Aggression wertet und die Heldenhaftigkeit der eigenen Nation dogmatisiert, macht eine Politik der Aussöhnung und der Freundschaft mit den Nachbarn nahezu unmöglich. Insofern widmete sich der Deutsche Bundestag mit seiner Armenien-Resolution zwar einem historischen Thema – und stach doch zugleich in ein höchst aktuelles Wespennest.