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    Leitartikel: Ägypten: Das geringere Übel

    Mursi war nicht Mubarak. Er regierte ein Jahr und nicht dreißig und konnte anders als sein Vorgänger zu keinem Zeitpunkt auf die Unterdrückungsinstrumente eines Polizeistaates zurückgreifen – selbst wenn er es gewollt hätte. Doch der hemdsärmelige Mann vermochte es während seiner kurzen Amtszeit nicht, die Ghetto- und Geheimbundmentalität der Muslimbruderschaft abzulegen. Brücken zur Opposition brachte er nicht zustande. Zusammen mit der wirtschaftlichen Inkompetenz seiner Regierung hat dies jetzt Millionen auf die Straßen getrieben und zu seiner Absetzung geführt. Man wird Mursi deshalb keine Träne hinterher weinen müssen. Dennoch: Die Umstände seines erzwungenen Abgangs müssen beunruhigen. Ein Staatsstreich ist ein Staatsstreich. Machen wir uns nichts vor.

    Mursi war nicht Mubarak. Er regierte ein Jahr und nicht dreißig und konnte anders als sein Vorgänger zu keinem Zeitpunkt auf die Unterdrückungsinstrumente eines Polizeistaates zurückgreifen – selbst wenn er es gewollt hätte. Doch der hemdsärmelige Mann vermochte es während seiner kurzen Amtszeit nicht, die Ghetto- und Geheimbundmentalität der Muslimbruderschaft abzulegen. Brücken zur Opposition brachte er nicht zustande. Zusammen mit der wirtschaftlichen Inkompetenz seiner Regierung hat dies jetzt Millionen auf die Straßen getrieben und zu seiner Absetzung geführt. Man wird Mursi deshalb keine Träne hinterher weinen müssen. Dennoch: Die Umstände seines erzwungenen Abgangs müssen beunruhigen. Ein Staatsstreich ist ein Staatsstreich. Machen wir uns nichts vor.

    Gewiss, die ägyptische Armee hat auf den millionenfach und unmissverständlich vorgetragenen Willen des Volkes reagiert und will die Macht nicht für sich behalten. Dennoch ist die fast unheimlich geräuschlose Beseitigung eines formal legitimen Staatspräsidenten keine Kleinigkeit und die größte Sünde wider die repräsentative Demokratie - mag sie vom Volk selbst noch so bejubelt werden. Allerdings ist Ägypten auch über zwei Jahre nach dem Sturz Mubaraks noch längst nicht in der demokratischen und rechtsstaatlichen Normalität westlicher Lesart angekommen. Rein formale Gesichtspunkte wie der Respekt vor rechtmäßigen Wahlen stehen deshalb nur auf einem Bein, weil die materialen Grundlagen der Repräsentation fehlen: allem voran ein nationaler Konsens über die Zukunft Ägyptens. Dass er nicht zustande kam, daran trägt Mursi die Hauptschuld. Die Lähmung des Landes drohte. Unter diesen Umständen war seine Absetzung wohl das geringere Übel. „Wir werden Deutschland nicht an der Verfassung scheitern lassen“, sagte der Sozialdemokrat Friedrich Ebert in ähnlichen Wirren nach dem Ersten Weltkrieg. Mursi hat diese Größe, das eigene politische Programm hinter das fundamentale Wohl der Nation zu stellen, nicht aufgebracht.

    Brot, Würde, Freiheit: Für diese Dinge sind die Ägypter jetzt wieder auf die Straße gegangen – in dieser Reihenfolge. Man täusche sich nicht: Die freiheitliche Demokratie trieb auch diesmal primär nur eine Minderheit der Demonstranten an. Eine Mehrheit des ägyptischen Volkes will vor allem eines: Wieder stolz auf ein starkes Ägypten sein können. Der Neo-Nasserismus als Mischung aus autoritärem Nationalismus und wirtschaftlichem Populismus könnte fröhliche Urständ feiern.

    Von entscheidender Bedeutung für die ganze islamische Welt ist derweil, dass die Muslimbrüder im Amt versagt haben und vom Volk verjagt wurden. Der Islam der Muslimbrüder hat sich nicht als Lösung für Ägypten herausgestellt. Das wird dem politischen Islam viel von seiner Anziehungskraft nehmen. Deswegen schon sein Ende einläuten zu wollen, scheint indes auch verfrüht.

    Eine Lehre darf man aus dem „Arabischen Frühling“, der jetzt um einen ägyptischen Sommer verlängert wurde, aber mit Sicherheit ziehen: Der sicherste und direkteste Weg zu anti-totalitärer Demokratie und freiheitlichem Rechtsstaat verläuft noch immer durch Athen, Jerusalem und Rom. Abkürzungen führen meist nicht ans Ziel. In jedem Fall kosten sie aber mehr Zeit.