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    Land unter Schock

    Zwei islamistische Anschlägein Burkina Faso innerhalb von zwei Wochen. Von Carl-Heinz Pierk

    Kanzlerin Merkel in Afrika
    Kurz nach dem ersten Anschlag besuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel das Land. Mit Präsident Roch Marc Kaboré (r.) sprac... Foto: dpa

    Jahrelang herrschte in Burkina Faso Frieden, heute ist das westafrikanische Land, wichtiges Transitgebiet für Migranten aus Afrika in Richtung Europa, eine Zielscheibe des Terrors. Groß ist der Schock, das Entsetzen, nach dem brutalen Angriff auf eine katholische Kirche. Die nach bisherigen Erkenntnissen islamistische Attacke hatte sich am vergangenen Sonntag in der Gemeinde Dablo im Norden Burkina Fasos ereignet.

    Während der Sonntagsmesse drangen rund 20 Bewaffnete in das Gotteshaus ein. Zeugenberichten zufolge hatten sie es auf den zelebrierenden Priester abgesehen. Der burkinische Geistliche Siméon Yampa, 34, war für den interreligiösen Dialog in seiner Diözese zuständig, berichtete vatican.news. Die Täter setzten dem Priester nach und erschossen ihn, danach kehrten sie in die Kirche zurück und ermordeten fünf weitere Menschen, bevor sie das Gotteshaus in Brand steckten. Feuer legten die Terroristen auch in mehreren Geschäftslokalen und einer Klinik. Papst Franziskus bete für die Opfer, ihre Familien und die gesamte christliche Gemeinschaft im Land, teilte Vatikansprecher Alessandro Gisotti mit.

    Kirche ruft zum Frieden auf

    In einer ersten Reaktion berichtete der Bischof von Kaya, in dessen Diözese Dablo liegt, von großer Verzweiflung nach der Tat: „Wir wussten, dass die Sicherheitslage in der Region sehr prekär ist, aber es ist das erste Mal, dass wir es hier mit einer Attacke von diesem Ausmaß zu tun haben.“ Die Getöteten seien „Märtyrer des Glaubens“, sagte Bischof Théophile Nare. Er stehe ebenso unter Schock wie alle Bewohner und Anrainer von Dablo. Niemals hätte er sich träumen lassen, dass der Beginn seines Bischofsamtes von einer derartigen Tragödie überschattet sein werde. Nare ist erst seit zwei Monaten Bischof von Kaya.

    Es war der zweite Angriff auf eine Kirche in Burkina Faso, wo islamistische Gruppen seit 2015 immer häufiger tödliche Angriffe verüben. Erst Ende April hatten Islamisten eine protestantische Kirche im Norden angegriffen und fünf Menschen getötet. Ursprünglich im Norden konzentriert, zielten die islamistischen Attacken auf die Hauptstadt und andere Regionen, einschließlich des Ostens. Sie richten sich gegen christliche wie muslimische Gemeinden gleichermaßen. Bei Terroranschlägen starben in den vergangenen vier Jahren fast 400 Menschen in Burkina Faso.

    Alle Anzeichen weisen darauf hin, dass die Terroristen mit dem neuerlichen Anschlag Stärke in einem Land demonstrieren wollten, das bis dahin in aller Welt für das friedvolle Miteinander der verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen bekannt war. Laut Verfassung des Landes ist die Republik Burkina Faso ein säkularer Staat, der keiner Glaubensrichtung Privilegien einräumt und seinen Bürgern die Religionsfreiheit zusichert. Traditionell pflegen nach Angaben von „Kirche in Not“ die Glaubensgemeinschaften im Land untereinander gute Beziehungen.

    Die Mitglieder der Religionsgemeinschaften können sich behördlich registrieren lassen, sind aber nicht dazu verpflichtet. Für die Registrierung gelten dieselben rechtlichen Anforderungen wie für andere (weltliche) Organisationen. In staatlichen Schulen ist der Religionsunterricht nicht erlaubt. Es gibt aber muslimische, katholische und protestantische Schulen der Primar- und Sekundarstufe im Land.

    Bildungseinrichtungen haben in Personalfragen freie Hand, wobei die Ernennung von Schulleitern bei den Behörden gemeldet werden muss. Der Staat überprüft die Lehrpläne der von Glaubensgemeinschaften betriebenen Schulen im Hinblick auf ihre religiöse Ausrichtung und die Einhaltung der fachlichen Vorgaben. Aber da viele Koranschulen in Burkina Faso nicht registriert sind, ist die staatliche Kontrolle nicht besonders effektiv.

    Burkina Faso mit der Hauptstadt Ouagadougou stand bis 1960 unter französischer Kolonialherrschaft, hieß mit Beginn der Unabhängigkeit bis 1984 Obervolta. Der westafrikanische Staat, der südlich des Nigerbogens liegt, grenzt an Mali, das derzeit wohl instabilste Land in der Region. Besonders aus dem Norden Malis schwappte der Terror zuletzt vermehrt in die Nachbarländer, vor allem nach Burkina Faso, das an strategischer Bedeutung für den Terrorismus zunimmt.

    Perspektivlosigkeit beschert Islamisten Zulauf

    Al-Kaida im Islamischen Maghreb, hauptsächlich in nordafrikanischen Staaten wie Algerien und Tunesien aktiv, die nigerianische Terror-Miliz „Boko Haram“ und die somalische Miliz Al-Shabaab sind die drei Gesichter des islamistischen Terrors in Afrika. Auch wenn diese Gruppen nicht eng kooperieren, arbeiten sie alle auf dasselbe Ziel hin: einen islamistischen Gottesstaat in Afrika zu errichten. Die Tragik will es, dass vor allem die Perspektivlosigkeit der Menschen in Burkina Faso zum Nährboden für islamistische Terrorzellen wird. Viele Menschen fühlen sich von Armee, Polizei und Gendarmerie nicht beschützt.

    Gestern wurde bekannt, dass offenbar am vergangenen Montag ein weiterer Anschlag auf Katholiken verübt worden ist. In Singa in der Gemeinde Zimtenga sind vier Gläubige getötet worden, die nach einer Prozession die Statue der Jungfrau Maria in die Kirche zurückbrachten, berichtete die Missionspresseagentur Fides.

    Zu den genaueren Hintergründen des Anschlages ist noch nichts bekannt. Es handelt sich um die gleiche Region, in der auch der Anschlag vom vergangenen Sonntag stattgefunden hat.

    Am Montag fanden auch die Trauerfeiern für die Opfer von Dablo statt. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erbischof Séraphin Francois Rouamba von Kuopéla, hatte bei dieser Gelegenheit die Vertreter aller Religionsgemeinschaften zum friedlichen Zusammenleben aufgerufen.

     

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