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    Länger arbeiten lautet die Parole

    Sollten die Konsequenzen der demographischen Entwicklung, vor denen Experten seit Jahrzehnten warnen, in den Köpfen der Politiker angekommen sein? Die niederländische Christdemokratin Ria Oomen-Ruijten warnte jedenfalls am Dienstagmittag im Europäischen Parlament in Straßburg: „Ein Drittel der EU-Bevölkerung ist über 55 Jahre alt. Die Nachhaltigkeit der Rentensysteme ist durch die Überalterung der Bevölkerung und die angespannten öffentlichen Finanzen gefährdet.“ Zwar liege die Altersvorsorge in der Verantwortung der 27 Mitgliedstaaten, doch könne eine Koordination auf der Ebene der EU „für Stabilität sorgen und Reformen anstoßen“, meinte die erfahrene Europapolitikerin.

    Die Wirtschaftskrise beschleunigt für viele Menschen den Weg in die Altersarmut. Foto: dpa

    Sollten die Konsequenzen der demographischen Entwicklung, vor denen Experten seit Jahrzehnten warnen, in den Köpfen der Politiker angekommen sein? Die niederländische Christdemokratin Ria Oomen-Ruijten warnte jedenfalls am Dienstagmittag im Europäischen Parlament in Straßburg: „Ein Drittel der EU-Bevölkerung ist über 55 Jahre alt. Die Nachhaltigkeit der Rentensysteme ist durch die Überalterung der Bevölkerung und die angespannten öffentlichen Finanzen gefährdet.“ Zwar liege die Altersvorsorge in der Verantwortung der 27 Mitgliedstaaten, doch könne eine Koordination auf der Ebene der EU „für Stabilität sorgen und Reformen anstoßen“, meinte die erfahrene Europapolitikerin.

    Schon heute ist die ältere Generation in vielen EU-Mitgliedstaaten in der Armutsfalle, nicht nur in postkommunistischen Staaten wie Rumänien und Bulgarien, sondern auch in Staaten, die von der Schulden- und Wirtschaftskrise massiv erfasst wurden, wie Spanien und Griechenland. Zwei Entwicklungen lassen den bisherigen Optimismus hinsichtlich der Renten und Pensionen zerbröseln: die Expertenprognosen, die düstere wirtschaftliche Langzeitszenarien zeichnen, und die in fast allen Ländern Europas negative demographische Entwicklung.

    Auch das Europäische Parlament bestätigt jetzt, „dass sich die schwerste Finanz- und Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten zu einer akuten Staatsschuldenkrise und sozialen Krise entwickelt hat, die erhebliche Auswirkungen auf die Altersbezüge von Millionen Bürgerinnen und Bürgern in der EU hat“. Dabei leben bereits heute in der EU 22 Prozent der Frauen über 75 Jahre unterhalb der Armutsgrenze. Tendenz steigend, denn der gesellschaftliche Anteil der Rentner und Pensionisten wächst stetig, während der Prozentsatz der Erwerbstätigen rückläufig ist. Die Zahl der Über-60-Jährigen wird bis 2060 in der EU von heute 17 auf 30 Prozent emporschnellen. Wie aber immer weniger Erwerbstätige die sozialen Systeme für immer mehr Nichtmehrerwerbstätige sichern sollen – und dies bei hoher Staatsverschuldung und hoher Arbeitslosigkeit – ist auch Politikern ein Rätsel.

    In einer Entschließung des Europäischen Parlaments vom Dienstag wird konstatiert, „dass der erste Geburtsjahrgang der sogenannten Baby-Boom-Generation das Rentenalter erreicht hat, was zu einer demographischen Herausforderung führt, die kein Zukunftsszenario, sondern schon eine Realität ist, da die Zahl der über Sechzigjährigen jedes Jahr um über zwei Millionen steigen wird“. Diese demographische Entwicklung, verbunden mit einem „wirtschaftlichen Szenario mit einem geringen Wachstum“, lässt die Alarmglocken schrillen. Seit geraumer Zeit drängt die EU-Kommission zumindest darauf, das faktische Rentenantrittsalter dem gesetzlichen anzupassen, wenn nicht sogar zu erhöhen. EU-weit liegt die Beschäftigungsquote von Menschen zwischen 55 und 64 Jahren bei 47 Prozent (bei Frauen bei 40 Prozent). Ein Programm, das in diesem Zusammenhang sinnvoll ist, hat die Europäische Union bereits ideenreich forciert, nämlich das „lebenslange Lernen“, das nicht nur ein gesünderes und längeres Arbeitsleben ermöglichen soll, sondern auch die derzeit schwierigen Chancen älterer Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt erhöhen könnte.

    Da die öffentlichen Altersversorgungssysteme in den EU-Mitgliedstaaten weiterhin als die erste und wichtigste Säule der Einkommen für Rentner und Pensionisten gelten, bleibt aber die große Frage, wie die über beide Ohren verschuldeten Staaten angesichts der „Wahrscheinlichkeit eines langfristigen Szenarios mit geringem Wachstum“ und den unter strengen Sparauflagen stöhnenden Volkswirtschaften diese Säule stabil halten können. Die beiden zusätzlichen Säulen – eine kapitalgedeckte betriebliche Altersversorgung und eine individuelle Vorsorge – auszubauen, ist wohl ein guter Rat, bietet aber keineswegs Sicherheit. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat ja, wie das Europäische Parlament in seiner Entschließung richtig formuliert, „die Verwundbarkeit sowohl der kapitalgedeckten als auch der umlagefinanzierten Altersversorgungssysteme offengelegt“. Angesichts der immer rascher alternden Bevölkerung Europas lässt diese Erkenntnis kaum hoffen, dass eine verstärkte Verlagerung der Gewichte auf drei Säulen die Probleme in der Statik des Renten- und Pensionssystems endgültig löst.

    Länger arbeiten ist also letztlich – auch angesichts einer weiter steigenden Lebenserwartung – die Parole. Das Europäische Parlament formuliert heute noch umständlich, „dass in den meisten Mitgliedstaaten die Anzahl der Beitragsjahre erhöht und die Arbeitsbedingungen und das lebenslange Lernen verbessert werden müssen, damit die Menschen zumindest bis zur Erreichung des gesetzlichen Rentenalters arbeiten können und, falls sie dies wünschen, auch darüber hinaus“. Die beiden letzten Worte dürften in den kommenden Jahren an Gewicht gewinnen: „darüber hinaus“.