• aktualisiert:

    LEITARTIKEL: Wehrpflicht muss bleiben

    Die Wehrpflicht auszusetzen und sie gleichwohl im Grundgesetz stehen zu lassen, wie es Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg (CSU) jetzt durchsetzen will, ist vielleicht kein politischer Fehler, aber ein kultureller. Denn Deutschland ist nicht irgendein ein Staat mit irgendeiner Armee. Deutschland ist eine verspätete Nation, in der lebens- und gesellschaftsnotwendiger Patriotismus historisch nicht in der gleichen Weise selbstverständlich gelebt werden konnte wie etwa der Frankreichs oder Englands – mit der Folge, dass in Deutschland die Armee immer in Versuchung stand, dieses gefühlte und tatsächliche Defizit gleichsam überkompensieren zu wollen. Die Armee in Deutschland wollte seit der Reichsgründung 1870/71 immer die Ambitionen seiner Herrscher und auch seines Volkes gleichsam übererfüllen. Die Armee in Deutschland war nie nur Armee.

    Die Wehrpflicht auszusetzen und sie gleichwohl im Grundgesetz stehen zu lassen, wie es Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg (CSU) jetzt durchsetzen will, ist vielleicht kein politischer Fehler, aber ein kultureller. Denn Deutschland ist nicht irgendein ein Staat mit irgendeiner Armee. Deutschland ist eine verspätete Nation, in der lebens- und gesellschaftsnotwendiger Patriotismus historisch nicht in der gleichen Weise selbstverständlich gelebt werden konnte wie etwa der Frankreichs oder Englands – mit der Folge, dass in Deutschland die Armee immer in Versuchung stand, dieses gefühlte und tatsächliche Defizit gleichsam überkompensieren zu wollen. Die Armee in Deutschland wollte seit der Reichsgründung 1870/71 immer die Ambitionen seiner Herrscher und auch seines Volkes gleichsam übererfüllen. Die Armee in Deutschland war nie nur Armee.

    Die Wehrmacht dann zerriss es während der Weimarer Republik endgültig, eine deutsche Identität und einen deutschen, diesmal republikanischen Patriotismus garantieren zu sollen, die realpolitisch in Deutschland nicht gelebt werden konnten – in der Weimarer Republik etwa aufgrund des verlorenen Ersten Weltkrieges und der Bedingungen des Versailler Vertrages. So konnten der Nationalsozialismus und Adolf Hitler die Wehrmacht zwar nicht in Gänze, aber doch in wichtigen Teilen in den Führungsebenen auf Linie bringen – und damit wieder die Institution der Armee in Deutschland überhaupt in Verruf bringen.

    Die Wehrpflicht in der wiederaufgestellten Bundeswehr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war deshalb das entscheidende Instrument, um die Armee in Deutschland endlich zu einer Institution machen zu können, die für die republikanische und demokratische Identität Deutschlands Entscheidendes beitragen konnte, ohne sie damit wiederum zu überfordern. Die Formel vom „Bürger in Uniform“ war eine Revolution gewesen und mit ein Garant für die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, ihre politische und moralische Integrität, die sie zurück in die Völkerfamilie geführt hat.

    Deshalb ist die Aussetzung der Wehrpflicht auch viel mehr als ein politisches Signal, das ja gute technische (und technokratische) Gründe in der Sache haben mag: Es ist ein Zeichen dafür, dass die zweite demokratische Republik auf deutschem Boden langsam beginnt zu vergessen, wo sie herkommt. Dass sie ihre Wurzeln vergisst.

    Wenn die Bundeswehr demnächst ein Heer der Berufs- und Zeitsoldaten ist, dann wird sie zu einem Art Unternehmen der äußeren Sicherheit. Wenn sie ihre Bindung zur Gesellschaft der Bundesrepublik verliert, für die allein eine praktizierte Wehrpflicht bürgen kann, dann zerbröckelt auch einer der Pfeiler, auf denen der derzeitige deutsche Verfassungspatriotismus ruht. Und wenn dieses Gebäude einstürzt, weil an allen Ecken an ihm gerüttelt wird, wird Platz geschaffen werden für neue, unkontrollierbare nationale und nationalistische Sehnsüchte und Tollereien, die unser Gemeinwesen nicht braucht.

    Die Wehrpflicht auszusetzen, kann sich als ein gefährlicher kultureller Boomerang erweisen.

    Von Johannes Seibel