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    LEITARTIKEL: Geistlicher Funkenflug

    Apologetik hat Tradition in der Kirche. Das katholische Proprium zu verteidigen galt jedoch weniger als Sache der Gläubigen, sondern als ureigene Aufgabe der Hirten und Lehrer. Die Medienkonsumenten haben die gewohnte Kompetenzverteilung zwar nicht abgeschafft, aber revolutioniert. Dieser Wandel ist auch an der Wahrnehmung des Petrusamtes nicht spurlos vorübergegangen. Weltjugendtage und Papstreisen haben das Bild des Stellvertreters Christi in der Öffentlichkeit stärker geprägt als manche wissenschaftliche Publikation. Nicht wenige Deutsche staunten schon während des Pontifikats Johannes Pauls II. darüber, wie sehr die Verbundenheit mit dem polnischen Papst in vielen Ortskirchen und Bewegungen zündete. Ähnliches schien in Deutschland schier unmöglich zu sein. Sogar auf dem Höhepunkt der „Wir-sind-Papst“-Euphorie telefonierte sich manches Ehepaar ratlos durch die Dienststellen seines diözesanen Ordinariats, weil sich niemand für den Weltfamilientag in Valencia zuständig fühlte, geschweige denn für Christen, die das Bedürfnis hatten, daran teilzunehmen. Solche Erfahrungen stärken das Bewusstsein für den Wert eigener Initiativen.

    Apologetik hat Tradition in der Kirche. Das katholische Proprium zu verteidigen galt jedoch weniger als Sache der Gläubigen, sondern als ureigene Aufgabe der Hirten und Lehrer. Die Medienkonsumenten haben die gewohnte Kompetenzverteilung zwar nicht abgeschafft, aber revolutioniert. Dieser Wandel ist auch an der Wahrnehmung des Petrusamtes nicht spurlos vorübergegangen. Weltjugendtage und Papstreisen haben das Bild des Stellvertreters Christi in der Öffentlichkeit stärker geprägt als manche wissenschaftliche Publikation. Nicht wenige Deutsche staunten schon während des Pontifikats Johannes Pauls II. darüber, wie sehr die Verbundenheit mit dem polnischen Papst in vielen Ortskirchen und Bewegungen zündete. Ähnliches schien in Deutschland schier unmöglich zu sein. Sogar auf dem Höhepunkt der „Wir-sind-Papst“-Euphorie telefonierte sich manches Ehepaar ratlos durch die Dienststellen seines diözesanen Ordinariats, weil sich niemand für den Weltfamilientag in Valencia zuständig fühlte, geschweige denn für Christen, die das Bedürfnis hatten, daran teilzunehmen. Solche Erfahrungen stärken das Bewusstsein für den Wert eigener Initiativen.

    Ausgerechnet in einer vermeintlich umfassend organisierten Ortskirche sind wertkonservative Gläubige, die keiner geistlichen Bewegung angehören, oft entweder nur dürftig vernetzt oder anfällig für interne Reibereien. So hoch die Zustimmung unter den Getreuen des Papstes für Appelle und offene Briefe zu disziplinarischen und lehramtlichen Fragen auch ausfallen mag – gerade unter den Jüngeren setzen viele auf eine unbeschwertere Form der Solidarität mit dem Papst: mehr Gebet und Nestwärme, weniger Debatten über binnenkirchliche Streitfragen.

    „Deutschland pro Papa“ traf den Nerv dieses Selbstverständnisses einer streitenden Kirche, deren Kraft in ihrer Distanz zu internen Detailfragen und der Fähigkeit, sich unkonventionell zu vernetzen liegt. Es war ein geistlicher Funkenflug auf einer frommen Partymeile. Als Pilotprojekt hat sich die Aktion gelohnt, weil sie gezeigt hat, wie fein das Sensorium innerhalb des Katholizismus mittlerweile für das Dauerfeuer der Kritik an der Kirche geworden ist. Die Solidaritätsadressen mit Papst Benedikt XVI. verharmlosten nichts, die gelöste Stimmung konterkarierte das Entsetzen über Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen nicht. „Deutschland pro Papa“ rückte viele Christen sichtbar ins Bild, die längst zusammengehören: In Internetforen tauschen sie sich aus über die alltäglichen Sorgen der Glaubenspraxis. Vor allem Familien können ein Lied über die Unansprechbarkeit staatlicher und kirchlicher Institutionen singen. Entgegen anderslautender Medienberichte prägten in Köln und München nicht ältere Menschen das Bild der Veranstaltung, sondern vor allem Eltern mit Kindern und junge Erwachsene. Ihre Anwesenheit war zugleich das stärkste denkbare Signal an die Öffentlichkeit. Christliche Familien empfangen hierzulande keinen Lohn für ihre Solidarität mit dem Papst – wo waren am Sonntag die Vertreter katholischer Schulen? „Deutschland pro Papa“ verriet mehr über das tatsächliche Ansehen des Papstes im Gottesvolk als die standardisierte Beliebtheitsumfragen.

    Von Regina Einig