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    Kosovo will ein normaler Staat werden

    An Fahnen herrscht im Kosovo kein Mangel. Zehn Wochen nach der Proklamation der Unabhängigkeit sind der Flughafen von Pristina, die Straßen, die zahlreichen Kriegerdenkmäler und viele Häuser des Landes dekoriert mit der albanischen Nationalflagge, die einen schwarzen Doppeladler auf rotem Grund zeigt, von vielen amerikanischen und wenigen europäischen Flaggen. Eher selten sieht man die offizielle Fahne des jungen Staates, mit den Umrissen des Landes auf blauem Grund, geschmückt von sechs Sternen, die die Volksgruppen des Kosovo symbolisieren. Nicht das nationale Selbstverständnis ist das Problem des Landes, denn die Mehrheitsbevölkerung sieht sich als Teil der albanischen Nation, wohl aber die Staatsbildung.

    An Fahnen herrscht im Kosovo kein Mangel. Zehn Wochen nach der Proklamation der Unabhängigkeit sind der Flughafen von Pristina, die Straßen, die zahlreichen Kriegerdenkmäler und viele Häuser des Landes dekoriert mit der albanischen Nationalflagge, die einen schwarzen Doppeladler auf rotem Grund zeigt, von vielen amerikanischen und wenigen europäischen Flaggen. Eher selten sieht man die offizielle Fahne des jungen Staates, mit den Umrissen des Landes auf blauem Grund, geschmückt von sechs Sternen, die die Volksgruppen des Kosovo symbolisieren. Nicht das nationale Selbstverständnis ist das Problem des Landes, denn die Mehrheitsbevölkerung sieht sich als Teil der albanischen Nation, wohl aber die Staatsbildung.

    Politische Offizielle geben sich sehr optimistisch

    Niemand weiß ganz genau, wer im Kosovo eigentlich regiert: die offizielle Regierung unter Hashim Thaci oder die zahlreichen internationalen Vertreter von Vereinten Nationen (UNMIK), Europäischer Union (EULEX) und OSZE. Irgendwie würden das die Leute selbst schaffen, indem sie mit dem Durcheinander an Kompetenzen zurecht kämen, sagt der frühere Parlamentspräsident und heutige Oppositionsführer Nexhat Daci, der Vorsitzende der „Demokratischen Liga von Dardania“ (LDD), im Gespräch mit der „Tagespost“: „Uns alle verbindet, dass wir für eine zu lange Zeit gelitten haben. Deshalb wissen wir, was es bedeuten würde, wenn wir uns gegenseitig bekämpfen. Wir glauben fest daran, dass uns die Zukunft gehört.“

    Die ökonomischen Schwierigkeiten seines Landes, das heute weitgehend von den Überweisungen der Exil-Kosovaren lebt, will der einstige Chemie-Professor gar nicht leugnen. Aber das Kosovo habe seine eigenen Ressourcen, natürliche und menschliche: Es gibt einige Bodenschätze und ein gutes Drittel der Einwohner ist jünger als 16 Jahre. „Meine Vision ist, dass das Kosovo in fünf oder sechs Jahren ein normaler balkanischer Staat ist, nicht ein mitteleuropäischer. Der Balkan hat eine sehr lange Geschichte, hat seine Kultur, hat seine eigenen Schönheiten des Lebens“, sagt Daci.

    Nicht minder optimistisch gibt sich Ministerpräsident Hashim Thaci, einst Führer der kosovarischen Befreiungsarmee UCK, im Gespräch mit der „Tagespost“: „Kosovo ist ein Land vieler Möglichkeiten, die wir nutzen müssen. Wir haben solide Gesetze nach internationalen Standards. Jetzt kommen langsam die internationalen Investoren. Wir haben gute Chancen im Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen, für den Energiesektor und die Landwirtschaft.“ Vieles scheint heute mehr Wunsch als Wirklichkeit. „Wir haben eben erst begonnen“, wehrt der Regierungschef ab.

    Die neue politische Klasse des Kosovo beherrscht die politische Terminologie des Westens. „Sie müssen hier auf dem Balkan unterscheiden, was jemand sagt, was er denkt und was er tut“, warnt ein Anwalt in Prizren, der von mafiosen Strukturen berichtet, die das Land fest im Griff haben sollen. Ja, es gebe das Problem der Korruption, meint Nexhat Daci, „aber nicht in der Dimension, wie Sie das in den Medien lesen“. Es gebe kein Land der gesamten Balkan-Region, das dieses Problem nicht habe, aber das dürfe keine Ausrede sein, um die Korruption nicht zu bekämpfen.

    Viele Kosovaren haben ihre Heimat verlassen, in den achtziger Jahren aus politischen Gründen, später aus wirtschaftlichen. Wie will der Ministerpräsident verhindern, dass die am besten ausgebildeten und motivierten jungen Leute weiterhin ihre Zukunft im Westen suchen, um ihre Familien zuhause mit Überweisungen aus dem Elend zu holen? „Jetzt ist die Zeit, um zurückzukehren“, sagt Thaci. „Aber die Jugend will den freien Zugang zum europäischen Markt Europas. Einige wenige Emigranten sind bereits zurückgekehrt, andere investieren hier.“ Oppositionsführer Daci sieht das nicht anders: „Die Emigranten sollen investieren im Kosovo, aber nicht bloß in den Konsum.“ Nicht alle Emigranten würden heimkehren, aber alle seien eingeladen, im Kosovo zu investieren.

    Zwei Wochen vor der Parlamentswahl in Serbien richten sich sorgenvolle Blicke nach Belgrad. Alle serbischen Politiker beteuern, die Unabhängigkeit des Kosovo nie anerkennen zu wollen. Serbiens Staatspräsident Tadic habe jedoch Unterhändler zu Thaci geschickt, um nach der Wahl eine pragmatische Lösung auszuhandeln, erzählt ein Informant in Pristina. Am Samstag besuchte Tadic unter dem Schutz von KFOR das traditionsreiche orthodoxe Kloster Decani im Westen des Kosovo: eine unmissverständliche Botschaft an die Kosovo-Serben, an ihren Mythen festzuhalten. Thaci ironisierte diese Symbolik, indem er Tadic via Fernsehen als ersten ausländischen Staatsgast bezeichnete.

    Doch nicht Tadic geht als Favorit in die serbische Wahl, sondern Radikalen-Führer Tomislav Nikolic, der sich als Platzhalter des im Haager Kriegsverbrechertribunal inhaftierten Tschetnik-Führers Seselj sieht. Droht ein neuer Balkankrieg? Ministerpräsident Thaci gibt sich optimistisch: „Die Unabhängigkeit des Kosovo bringt Sicherheit und Frieden für die gesamte Region. Wir wollen gute Beziehungen zu allen unseren Nachbarstaaten. Auch zu Serbien.“

    LDD-Chef Daci meint: „Serbien ist ein gutes Land. Seine Jugend ist pro-europäisch ausgerichtet, ebenso die Wissenschaftler. Aber das politische Establishment in Serbien ist seit mehr als einem Jahrhundert völlig anders als im Rest der Welt. Hören Sie sich die Musik an: die Serben seien die tapfersten Krieger und die besten Liebhaber auf der Welt. Da ist eine völlig verrückte Geschichtssicht und Erziehung. Die Serben haben ein großes Land und wenige Menschen, so dass sie nicht um Gebiet kämpfen müssten, wie sie es ein Jahrhundert lang getan haben.“ Daci plädiert dafür, den Serben in den Enklaven im Kosovo zu helfen: „Wenn ich dieses Land führen würde, könnte ich dafür garantieren, dass die Kosovo-Serben binnen einen Jahres glücklicher wären als die Serben in Serbien. Ich kenne ihre Probleme.“

    Hashim Thaci sieht in Serbien das Schwarze Loch Europas

    Thaci, der stolz darauf ist, eine multiethnische Regierung zu führen, kennt die serbischen Mythen. Einer davon besagt, dass Serbien im Krieg immer gewinne und im Frieden immer verliere. Thaci lässt das nicht gelten: „Was hat denn Serbien durch die Kriege von Milosevic gewonnen? Nichts! Es hat in Slowenien und Kroatien nicht gewonnen, auch nicht in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo. Heute ist es das Schwarze Loch in Europa.“ Er weiß, dass Belgrad – mit Moskaus Hilfe – die Aufnahme des Kosovo in die Vereinten Nationen und den Europarat blockieren kann. Dennoch ist er zuversichtlich: „Heute haben wir eine international überwachte Unabhängigkeit. Aber das hilft uns, stabile demokratische Institutionen aufzubauen. In zehn Jahren wird Kosovo ein Mitglied der Nato und in der Europäischen Union sein.“

    Die rege Bautätigkeit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die wirtschaftlichen Probleme des Kosovo riesig sind. Die traditionelle Familiensolidarität wie die offenkundige Schwarzarbeit relativieren vielleicht die offizielle Arbeitslosenrate von 40 Prozent, doch dürfte im Kosovo bald zu den Verlierern gehören, wer weder Verwandte in der Emigration noch einen Job bei den internationalen Institutionen hat.

    Von Stephan Baier