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    La Paz / Caracas

    Kontinent im Aufruhr

    Bolivien, Venezuela, Chile - in Lateinamerika gehen in vielen Ländern die Menschen auf die Straße. Was sind ihre Motive? Und welche Rolle spielt die Kirche dabei?

    Proteste in Bolivien
    Bolivien ist in letzter Zeit von Straßenschlachten geprägt. Foto: Natacha Pisarenko (AP)

    Massenhafte, oft gewaltsame Proteste, angeschlagene oder gestürzte Regierungen und Militär und Polizeitruppen in den Straßen prägen die Nachrichten aus Lateinamerika, von Chile über Bolivien und Kolumbien bis Ecuador. Die Welle der Unzufriedenheit hat Chile erschüttert, das noch bis vor wenigen Wochen als ein Vorzeigestaat in der Region galt, als stabiles und wirtschaftlich erfolgreiches Land. Die Straßengewalt zeigte zuweilen hässliche Bilder – etwa als Kirchen in Valparaiso und Santiago zerstört wurden, radikale Protestler Bänke und christliche Figuren herausrissen und für Barrikadenbauten benutzten. Umgekehrt hat die Polizei teilweise extrem hart zurückgeschlagen.

    Politische Linke in Chile will radikale Umwälzungen durchsetzen

    Die politische Linke in Chile will nun radikale Umwälzungen durchsetzen. Aber die Unruhen begannen in anderen Ländern schon viel früher. Vor Chile wurden schon Ecuador, Haiti, Honduras und – am schlimmsten – das Krisenland Venezuela von gewaltigen Protesten erschüttert. In anderen Ländern gab es weniger gewaltsame, aber ebenfalls tiefgreifende politische Umbrüche. Brasilien erlebte eine tiefe Zäsur, nachdem die Linke dort jahrelang dominierte, heute ist der rechte Politiker Jair Bolsonaro an der Macht. In Peru führten Korruptionsfälle und eine verschärfte politische Konfrontation zur Auflösung des Kongresses. Und im chronisch überschuldeten Argentinien verlor der als Reformer gescheiterte Mauricio Macri die Wahl gegen die linken Peronisten. Auch hier ist die politische Polarisierung mit Händen zu greifen.

    „Lateinamerika ist auf dem Kriegspfad, vom Süden bis nach Mexiko“, sagt Alberto Ramos, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs. „Es gibt echte Leiden und die Sache gärt schon seit einigen Jahren.“ Laut Ramos hat die Malaise mit dem schwachen Wirtschaftswachstum Lateinamerikas zu tun, das von der Rezession in Mexiko und der scharfen Bremsung in Brasilien heruntergezogen wird. Seit 2015 stagniert die Wirtschaft des Halbkontinents praktisch und in diesem und im nächsten Jahr wird Lateinamerika laut IWF-Prognosen die Region mit dem niedrigsten Wachstum sein. Das sind besonders für die Unterschicht und die Mittelschicht sehr schlechte Nachrichten, denn vielen droht echte Not.

    Mittelschicht besonders verwundbar und alarmiert

    Die Mittelschicht, die etwa 45 Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist besonders verwundbar und alarmiert. Nicht wenige fürchten, sie könnten wieder in die Armut zurückfallen. Ihre Tageseinkommen betragen oft nur 5,50 bis 13 Dollar, sie leben in schlechten Wohnungen, haben keine soziale Absicherung, in vielen Ländern nur eingeschränkten Zugang zu Gesundheitsversorgung und die Kinder gehen auf schlechte öffentliche Schulen. Alles zusammen ergibt den Cocktail der Unzufriedenheit, der leicht entflammbar ist. Der Aufstieg einer größeren und kritischen Mittelklasse hat zudem dazu geführt, dass sich mehr Menschen politisch artikulieren, dass sie die etablierten Institutionen hinterfragen, von der Politik bis zur Kirche.

    Soziale Netzwerke und neue Medien erlauben den Unzufriedenen und Demonstranten zudem eine bessere Vernetzung und Organisation. Lateinamerika ist eine der Regionen der Welt mit der höchsten Zahl von Nutzern sozialer Netze. Kein anderes Land zeigt die widersprüchlichen Entwicklungen so wie Chile. In den vergangenen dreißig Jahren, seit dem Ende der Diktatur und der Rückkehr zur Demokratie, hat es Chile geschafft, die Armutsquote von 30 Prozent auf 6,4 Prozent zu drücken, während in Nachbarländern, etwa Argentinien oder besonders drastisch Venezuela, die Bevölkerung verarmte. Chile steht heute mit dem höchsten Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt (von umgerechnet 26.300 Dollar, kaufkraftbereinigt) an der Spitze der lateinamerikanischen Rangliste. Es war auch ein Musterbeispiel demokratischer Stabilität. Inmitten der vielen armen und unsicheren Länder glich Chile einer „Oase“ in Lateinamerika.

    Mehr als 23 Tote, mehr als 2.200 Verletzte

    Gleichzeitig aber war und ist es ein Land mit einer der höchsten Ungleichheit mit einer breiten Unterschicht, die nur mit Ach und Krach die Mittel fürs tägliche Überleben findet. Eine eher kleine Erhöhung der U-Bahn-Fahrpreise in der Hauptstadt Santiago – für Geringverdiener aber eine deutliche Kostenerhöhung – war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Seit Anfang Oktober brachen große Proteste aus, die schnell gewalttätig wurden und in Plünderungen und Brandstiftungen ausarteten. Inzwischen sind mehr als 23 Tote und mehr als 2 200 Verletzte zu beklagen, und mehr als 200 junge Leute haben schwere Augenverletzungen durch Polizeigeschosse erlitten, einige sind komplett erblindet.

    Ein Teil der bürgerlichen Mittelschicht hat sich mit den Demonstranten solidarisiert. Die Gewalt linksextremer Demonstranten haben weite Teile der Mittelschicht in Angst und Schrecken versetzt. Sie erleben Drohungen in ihren Wohnvierteln. Präsident Sebastián Pinera und seine Mitte-Rechts-Koalition sind angeschlagen, sein halbes Kabinett trat zurück oder wurde ausgetauscht. Die Fahrpreiserhöhung in Santiago wurde schnell zurückgenommen. Pinera hat eine Reihe Reformen versprochen, die Mindestrenten um 20 Prozent erhöht, Strompreise eingefroren und Medikamentenpreise für Arme gesenkt. Er konnte damit aber die radikaleren Protestkräfte nicht beruhigen, die von der Kommunistischen Partei unterstützt werden. Sie fordern eine komplett neue Verfassung, die das alte, „neoliberale“ marktwirtschaftliche Modell Chiles abschaffen soll. „Wir sind inzwischen an die Gewalt gewöhnt, wie haben nichts zu verlieren“, sagt Victor Chanfreu, ein 17-jähriger Sprecher eines Studentenverbandes. „Der Neoliberalismus wurde in Chile geboren und er wird in Chile sterben“, sagt er.

    Kirche in Chile ist kaum als Vermittler aufgetreten

    Die Kirche hat in Chile kaum versucht, als Vermittler aufzutreten. Sie war weitgehend unsichtbar und unhörbar seit Ausbruch der Proteste. Nachdem Kirchengebäude in Valparaiso und Santiago niedergebrannt und geplündert wurden, rief sie zu Gebeten auf, doch versucht sie nicht, sich politisch zu äußern. Auch die Konservativen des Landes, die traditionell eng mit der Kirche verbunden sind, wollen sie nicht in die Gespräche mit der Linken mit einbeziehen. Anders ist es in Bolivien, wo die Kirche nach den Unruhen wegen der offensichtlich manipulierten Wahl und dem Rücktritt und der Flucht des Präsidenten Evo Morales durchaus eine politische Rolle spiel. Die bolivianische Kirche nimmt teil am Dialogprozess, der von der EU und der UN gefördert wird. Die Interimspräsidentin Jeanin Ánez ließ sich mit der Bibel in der Hand vereidigen. Sie sagte, sie wolle den Einfluss der indigenen Bevölkerung zurückdrängen. Dass die Indigenen Einfluss bekommen hatten, war ein Verdienst von Morales, des ersten Indio-Präsidenten des Landes, der zugleich Teil der politischen Linksachse hin nach Venezuela war.

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