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    Konferenz auf wankendem Boden

    Pünktlich zum Beginn des G8-Gipfels hat der Boden in L'Aquila wieder zu zittern begonnen. Die Welt schaut auf das Erdbebengebiet in Mittelitalien – und die Seismographen schauen auf ihre feinen Messinstrumente. Am vergangenen Freitag konnten die Einwohner der Abruzzen-Stadt eines der stärksten Nachbeben spüren – immer noch Folge jener gewaltigen Naturkatastrophe, die sie vor genau drei Monaten aus eingestürzten und beschädigten Häusern ins Freie trieb. Seit vergangener Woche sind ununterbrochen weitere leichte Beben zu messen. Sollten die Erdstöße während des Gipfeltreffens den Wert 4 auf der Richter-Skala übersteigen, planen die Gastgeber, die Staats- und Regierungschefs samt ihrer Delegationen nach Rom zu evakuieren. Der Leiter des italienischen Zivilschutzes, Staatssekretär Guido Bertolaso, zeigt sich überzeugt, auf alle Eventualitäten reagieren zu können.

    Pünktlich zum Beginn des G8-Gipfels hat der Boden in L'Aquila wieder zu zittern begonnen. Die Welt schaut auf das Erdbebengebiet in Mittelitalien – und die Seismographen schauen auf ihre feinen Messinstrumente. Am vergangenen Freitag konnten die Einwohner der Abruzzen-Stadt eines der stärksten Nachbeben spüren – immer noch Folge jener gewaltigen Naturkatastrophe, die sie vor genau drei Monaten aus eingestürzten und beschädigten Häusern ins Freie trieb. Seit vergangener Woche sind ununterbrochen weitere leichte Beben zu messen. Sollten die Erdstöße während des Gipfeltreffens den Wert 4 auf der Richter-Skala übersteigen, planen die Gastgeber, die Staats- und Regierungschefs samt ihrer Delegationen nach Rom zu evakuieren. Der Leiter des italienischen Zivilschutzes, Staatssekretär Guido Bertolaso, zeigt sich überzeugt, auf alle Eventualitäten reagieren zu können.

    Währenddessen hat der Gipfel für L'Aquila und die italienische Hauptstadt schon begonnen. Am Sonntag spazierte der chinesische Präsident Hu Jintao samt Frau durch Rom, gestern führte er die ersten politischen Gespräche. In vielen Botschaften tagen die ersten Delegationen und kommen zu bilateralen Verhandlungen zusammen. Die Via Veneto mit der amerikanischen Botschaft in der Mitte starrt vor lauter Sicherheitskräften. Und in L'Aquila selber hat sich die rote Zone rund um die Kaserne der Finanzpolizei in ein Heerlager verwandelt. Niemand kommt mehr in das abgesperrte Gebiet hinein, fünfzehntausend Soldaten und Polizisten sind im Einsatz. Eine schmale Landebahn für Sportflugzeuge hat sich in einen kleinen Flughafen verwandelt, sieben Militärflugzeuge und zwölf Helikopter sowie eine unbemannte Drone überwachen den Flugraum beziehungsweise stehen für die mögliche Evakuierung bereit.

    In Rekordzeit hat man auf dem Gelände 914 Appartements für die 39 Präsidenten und Regierungschefs samt ihrem Gefolge fertiggestellt. Vier größere „palazzi“ werden die ganz Großen wie Präsident Obama oder Bundeskanzlerin Merkel beherbergen – vorausgesetzt, die Erde gibt Ruhe. Im Sportpalast unweit der Kaserne verfolgen 3 600 Journalisten eines der ungewöhnlichsten Gipfeltreffen. Eine von der Natur angeschlagene Stadt, deren Wiederaufbau noch Jahre dauern wird, beherbergt Spitzenpolitiker aus aller Welt – und über allem liegt die leise Angst, dass die Wände nochmals wackeln könnten. Die Gebäude, die auf dem Terrain der Finanzpolizei die Gäste beherbergen, seien alle erdbebensicher, erklärt Ministerpräsident Berlusconi. Doch ob die Staats- und Regierungschefs auf ihren Stühlen ruhig sitzen werden?

    Fast bizarr sieht das historische Zentrum von L'Aquila aus. Die zerstörten Kirchen und antiken Gebäude sind vollständig eingerüstet, an einen Wiederaufbau war bisher nicht zu denken. Hierhin will Ministerpräsident Berlusconi den amerikanischen Präsidenten führen, während er Kanzlerin Merkel das völlig zerstörte Dörfchen Onna zeigt, bei dessen Wiederaufbau die Bundesrepublik Deutschland mithelfen will. Diese Bilder sollen um die Welt gehen und die Spenden- und Hilfsbereitschaft steigern.

    Bis sich dieser Solidaritätseffekt auszahlt, müssen die L'Aquilaner die Zähne kräftig zusammenbeißen. Ist der Gipfel vorüber, hat die Stadt – fast über Nacht – einen Flughafen erhalten, die Appartements für die Delegationen stehen dann obdachlosen Erdbebenopfern zur Verfügung. Und die Finanzpolizei – eine Art Heer von Steuereintreibern des italienischen Finanzministeriums – hat eine der prächtigsten Kasernen dieser Welt. Aber jetzt geht in der Abruzzenstadt gar nichts mehr. Ein geregelter Verkehr ist nicht mehr möglich, Einwohner und Passanten werden ebenso kontrolliert wie auswärtige Berichterstatter.

    Noch ein weiteres Beben könnte den Gipfel erreichen. Vor allem spanische und englische Medien berichten weiter über pikante Feste Berlusconis in Rom und in seiner Privatvilla. Die „Sunday Times“ hat angekündigt, pünktlich zum Gipfel weitere Fotos zu veröffentlichen, die anzügliche Szenen aus der Villa Certosa zeigen, dem Domizil Berlusconis auf Sardinien. Der Stab des Ministerpräsidenten beklagt eine internationale Medienkampagne, betrieben von der Gruppe Rupert Murdochs, einem Erzrivalen Berlusconis. Die Fotos könnten nur gefälscht sein, heißt es in einer Note aus dem Büro des Regierungschefs, es gebe keine Aufnahmen, die Berlusconi in verfänglichen Situationen zeigten. Unterdessen kündigte El País in Spanien ein weiteres Interview mit der Escort-Dame Patrizia D'Addario an, die an Partys im römischen Palazzo Graziolo mit dem italienischen Ministerpräsidenten teilgenommen hat.

    Sozialenzyklika erscheint zum Gipfeltreffen

    Und jenseits des Tibers erscheint heute noch ein ganz anderes Dokument, das die Berichterstattung über das Gipfeltreffen beeinflussen könnte: die Sozialenzyklika „Caritas in veritate“, deren Veröffentlichung wohl ebenfalls mit dem Beginn des Treffens in den Abruzzen abgestimmt wurde. Einen Tag vor dem offiziellen Start der Gespräche in L'Aquila will es den Blick auf die ethische Verantwortung der führenden Staats- und Regierungschefs bei der Überwindung der internationalen Finanzkrise lenken. Papst Benedikt hat dazu einen Brief an Berlusconi und damit an alle Teilnehmer des Gipfels geschrieben (siehe Seite 7) – und wird, bevor er am Freitagnachmittag mit Präsident Obama zusammentrifft, schon einmal die Gattinnen und Damen der Konferenz begrüßen.

    Wird es sich auszahlen, dass die italienische Regierung das Welttreffen von Sardinien in das Erdbebengebiet verlegt hat? Der Bischof von L'Aquila, Giuseppe Molinari, meinte gegenüber Radio Vatikan, er hoffe, dass der G8-Gipfel „nicht bloß ein Treffen wird, bei dem es hauptsächlich um Diplomatie und nationale Interessen geht, sondern dass – auch beim Anblick unserer Tragödie – ein Ruck durch das Bewusstsein aller Teilnehmer geht. Das Gesicht unserer zerstörten Stadt sollte eine Motivation sein, das Gesicht anderer verletzter Städte auf der ganzen Welt zu verändern.“ Die Tatsache, dass die Staats- und Regierungschefs einige der historischen Monumente besuchen werden, lasse die Menschen in L'Aquila natürlich hoffen, dass das Ausland beim Wiederaufbau mithelfen werde. Auf der anderen Seite, fügte der Bischof an, „müssen sie natürlich auch einige Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen – im Hinblick auf die hohen Sicherheitsvorkehrungen, die den Aufbau verzögern“. Noch steht überhaupt nicht fest, welche Bilanz Berlusconi nach dem Gipfel dann tatsächlich für sich und L'Aquila ziehen kann.

    Von Guido Horst