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    Kommt nach der Baby- die Altenklappe?

    Herr Professor Hardinghaus, der Deutsche Bundestag wird am Donnerstag in einer von vielen mit Spannung erwarteten „Orientierungsdebatte“ das von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) gewünschte Verbot organisierter Suizidhilfe sowie die von anderen geforderte Legalisierung

    Mit einer Protestaktion demonstrierten am 29. November 2012 in Berlin Teilnehmer der Initiative Solidarität statt Selbst... Foto: dpa

    Herr Professor Hardinghaus, der Deutsche Bundestag wird am Donnerstag in einer von vielen mit Spannung erwarteten „Orientierungsdebatte“ das von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) gewünschte Verbot organisierter Suizidhilfe sowie die von anderen geforderte Legalisierung des ärztlich assistierten Suizids diskutieren. Werden Sie die Debatte eigentlich verfolgen?

    Leider habe ich nicht die Zeit, die Debatte live zu verfolgen, bin aber natürlich sehr gespannt auf die Ergebnisse.

    Was erwarten oder erhoffen Sie sich von ihr?

    Ich erhoffe und erwarte ein strafrechtliches Verbot jeglicher Form organisierter Suizidassistenz einschließlich der Werbung dafür. Außerdem keine „Aufwertung“ der ärztlich assistierten Hilfe zur Selbsttötung durch eine Legalisierung, die die Suizidbeihilfe in unserer Gesellschaft zu einer regelhaften, normalen oder üblichen ärztlichen Maßnahme werden ließe.

    In den vergangenen Wochen hat der für Anfang November angekündigte, ärztlich assistierte Suizid der an einem Hirntumor erkrankten US-Amerikanerin Brittany Maynard im US-Bundesstaat Oregon in den Medien und in sozialen Netzwerken weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Sie sind selbst Palliativmediziner: War das eigentlich ein würdevoller Tod, den Frau Maynard da gestorben ist? Und welche Alternativen hätte sie aus Ihrer Sicht gehabt? Oder gab es solche gar nicht?

    Wenn jemand so lange seinen Suizid vorausplant, insbesondere wenn er es öffentlich ankündigt, gibt es im allgemeinen Gelegenheit dazu, Alternativen einer palliativen Begleitung anzubieten. Ob und in welcher Weise dies bei Frau Maynard geschehen ist, kann ich von hier aus nicht beurteilen. Die Frage der Würde wird mir zu oft ausschließlich mit Selbstbestimmung gleichgesetzt. Angewiesen zu sein oder sich helfen zu lassen, spricht nicht gegen Autonomie. Im Gegenteil, manchmal wird durch liebevolle Fürsorge Selbstbestimmung erst möglich. Aus dem „Fall“ Maynard können wir drei Dinge lernen. Zum einen: Menschen mit Suizidgedanken sind selber oft ambivalent. Bei der jungen Patientin könnte die Verschiebung des Termins dafür sprechen. Zweitens: Aus extremen Einzelfällen sollten keine allgemein gültigen Empfehlungen hergeleitet werden. Und außerdem: Die kommerziellen Absichten der Sterbehilfeorganisation Compassion & Choices sind in den begleitenden Werbekampagnen erkennbar.

    Nicht wenige Suizidpräventionsforscher behaupten, dass die Rede vom „Freitod“, als welcher ein Suizid ja vielfach immer noch bezeichnet wird, eine reine Fiktion sei. Ein psychisch gesunder Mensch könne sich den Tod gar nicht wünschen. Suizidgedanken seien in fast allen Ergebnis schwerer psychischer Krisen, die die Freiheit des Suizidwilligen erheblich einschränkten. Ein Märchen oder etwas, das Sie aus Ihrer langjährigen Praxis bestätigen können?

    In meiner langjährigen Praxis litten viele Menschen unter einer zuvor mehr oder weniger bekannten schweren Depression, das muss ich sagen. Weniger überblicke ich die vielen, auch jüngeren Menschen, die aus dem scheinbar Gesunden heraus sich vor den Zug werfen, erhängen oder Tabletten nehmen. Meistens sind es Ängste, von denen sie sich befreien wollen. Der Ausdruck Freitod ist trotzdem nicht angezeigt, denn Freiwilligkeit im Sinne einer positiv zustimmenden Grundhaltung liegt sicher nicht vor. Dies gilt auch für Bilanzsuizide aufgrund von Erkrankungen oder persönlicher Notlagen. Die Zahl der Selbsttötungen geht in Deutschland insgesamt zurück, die der alten Menschen jedoch nimmt deutlich zu. Zugrunde liegt fast immer die Angst vor Schmerzen, körperlichen Leiden, Alleinsein oder vor dem zur Last fallen. Und genau hier muss Suizidprävention ansetzen.

    Wenn das aber so ist, drängt sich dann nicht die Frage auf, warum dies in unserer Gesellschaft bislang so wenig Beachtung findet. Wird hier vielleicht zu sehr nur auf die körperlichen Leiden abgestellt?

    Verständlicherweise verdrängen wir den Tod lieber, als ihn in das Leben zu integrieren. Ich glaube, dass dieser Verdrängungsmechanismus dahintersteckt. Vielleicht auch die unbewusste, die eigene Angst vor dem Tod verbunden mit der „Angst vor Entmächtigung“, wie es der Medizinethiker Giovanni Maio formuliert. Die Akzeptanz psychischer Leiden hat nach meiner Erfahrung in den letzten Jahren in unserer Gesellschaft immerhin zugenommen.

    Böse Zungen behaupten, bei der Propagierung der Suizidhilfe ginge es in Wahrheit gar nicht um die Wahrung der vermeintlichen Autonomie von sterbewilligen Patienten, sondern um die Entlastung des Gesundheitssystems. Nach dem Motto: Reisende, die anderen vornehmlich auf der Tasche liegen, soll man gar nicht erst aufhalten wollen. Ist das purer Zynismus oder umhüllt er nur einen traurigen Wahrheitskern?

    Ich könnte den Zynismus steigern zu der Vorstellung, eines Tages neben die Babyklappe eine Altenklappe setzen zu müssen. Und von dieser Motivation zur Entlastung des Gesundheitssystems sind wir gar nicht so weit entfernt. Ich darf hier Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften (ebenso wie M. Spieker in der Ausgabe der Tagespost vom 14. Oktober 2014, Seite 3) zitieren, die die Legitimation zur Sterbehilfe bereits mit der demographischen Entwicklung begründen. Die Zahl der älteren Menschen – und dadurch auch die Gesundheitskosten – seien doch wesentlich rascher angestiegen als die übrige Bevölkerung.

    Kommen wir noch einmal zurück zu der Debatte im Bundestag. Sie stehen dem Deutschen Hospiz- und Palliativverband vor, der als bundesweite Interessenvertretung der Hospizbewegung auch die Belange schwerstkranker und sterbender Menschen vertritt. Angenommen, Sie hätten am Donnerstag die Möglichkeit, zu den Abgeordneten zu sprechen. Was wäre die wichtigste Erfahrung aus Ihrem beruflichen Alltag, über die Sie die Volksvertreter dann unbedingt in Kenntnis setzen wollten?

    Wir können heute jeden Menschen unspektakulär schmerzfrei und würdevoll sterben lassen. Leidvolles Leben ist nicht zwangsläufig menschenunwürdig. Der Appell „Ich will nicht mehr leben“ bedeutet oft „Ich will so nicht mehr leben!“.

    Und Ihre zentrale Forderung? Wie würde die lauten?

    Das ist neben der Forderung nach dem weiteren Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung – hier vor allem deren Integration in die Regelversorgung, das heißt die Krankenhäuser, die Pflegeheime, zuhause und in jeden Sterbeort – die Forderung nach einer besseren Information über die Möglichkeiten der hospizlichen und palliativen Begleitung und ganz grundsätzlich der Anspruch auf eine gesellschaftliche Kultur der Wertschätzung des Lebens auch unter den Bedingungen von Pflege, schwerer Krankheit und Demenz.

    Prof. Dr. Winfried Hardinghaus, Palliativmediziner und Vorsitzender des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes (DHPV)