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    Kommentar

    Achtet das Argument. Von Sebastian Sasse

    Unzählige Hass-Mails, ja sogar Morddrohungen haben in der vergangenen Woche Mariam Lau, Autorin bei der „Zeit“, erreicht“. Der Grund: In einem Pro und Contra-Beitrag hatte sie dazu angeregt, die Motive der sogenannten Seenot-Retter im Mittelmeer zu hinterfragen. Vor allem eine zentrale Passage ihres Textes rief massive Kritik hervor: „Viele Retter begründen unter anderem ihr Handeln damit“, schrieb sie, „dass jeder Mensch das Recht habe zu fliehen, wohin er will. Weil es so ein Recht nicht gibt, begründen sie es moralisch.“ Die Vertreter dieser Richtung behaupteten, so Lau, dass die Migranten sich nur das zurückholen würden, was Europa ihnen weggenommen habe. Lau zieht daraus den Schluss: „Diese fragwürdige Kausalkette geht nicht nur davon aus, dass die Bewohner ehemaliger Kolonien für nichts verantwortlich sein können – nicht mal für ihr eigenes Unglück –, sondern sie geht auch mit einer gewaltigen Selbstüberhöhung einher.“ Natürlich muss man Laus Argumentation nicht zustimmen, natürlich darf man ihr auch scharf widersprechen. Ihr aber gleich die Humanität abzusprechen und damit gleichsam dem Hass freizugeben, das ist nicht nur unredlich, es ist schäbig. Dieser Fall zeigt deutlich: Das Lager, das für sich in Anspruch nimmt, immer die Guten zu repräsentieren, leitet für sich offensichtlich Sonderrechte ab, wenn es darum geht, sich mit Kritik sachlich auseinanderzusetzen. Zu Recht ist in den vergangenen Wochen immer wieder auf Gefahren eines Rechtspopulismus hingewiesen worden, der statt auf Argumentation auf Hass setzt.

    Wir haben es hier aber ganz offensichtlich mit einem Lager-übergreifenden Phänomen zu tun. Dazu gehört eine Grunderkenntnis: Die Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen, entbindet nicht von der Pflicht zu argumentieren. Wir brauchen eine Renaissance des Argumentes. Es wird unserer politischen Kultur gut tun, wenn wir alle das Argument mehr achten.

    von Sebastian Sasse