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    Kommentar: Tötung auf Verlangen für Alle

    Wer um die Jahrtausendwende vor dem 2001 in den Niederlanden in Kraft getretenen Euthanasiegesetz warnte oder gar einen „Dammbruch“ prognostizierte, war schnell als „Untergangsprophet“ verschrieen. „Aktive Sterbehilfe“ – oder treffender – „Tötung auf Verlangen“ wurde im Land der Tulpen damals unter der Hand tatsächlich längst praktiziert. Mit dem neuen Gesetz würde es diese künftig nur noch in „Ausnahmefällen“, für „unheilbar Schwerstkranke“ sowie unter „strengsten Auflagen“ geben, hieß es. Kritikern wurde entgegengehalten, es sei doch für jedermann ersichtlich, dass es besser und sogar im Sinne des Lebensschutzes sei, etwas, das bislang ungeregelt im Verborgenen geschehe, ans Tageslicht zu bringen, klaren gesetzlichen Regeln zu unterwerfen und deren Einhaltung zu überwachen. Im späteren Gesetzestext war vom „aussichtslosen Zustand des Patienten“ und „unerträglichen Leiden“ die Rede. Als mitleidloser Prinzipienreiter galt, wer damals vor dem Betreten der schiefen Ebene warnte oder kategorisch die Vorstellung ablehnte, dass aus Heilern Henker würden und dies gar mit dem „Eid des Hippokrates“ zu begründen können glaubte.

    Stefan Rehder
    Stefan Rehder. Foto: DT

    Wer um die Jahrtausendwende vor dem 2001 in den Niederlanden in Kraft getretenen Euthanasiegesetz warnte oder gar einen „Dammbruch“ prognostizierte, war schnell als „Untergangsprophet“ verschrieen. „Aktive Sterbehilfe“ – oder treffender – „Tötung auf Verlangen“ wurde im Land der Tulpen damals unter der Hand tatsächlich längst praktiziert. Mit dem neuen Gesetz würde es diese künftig nur noch in „Ausnahmefällen“, für „unheilbar Schwerstkranke“ sowie unter „strengsten Auflagen“ geben, hieß es. Kritikern wurde entgegengehalten, es sei doch für jedermann ersichtlich, dass es besser und sogar im Sinne des Lebensschutzes sei, etwas, das bislang ungeregelt im Verborgenen geschehe, ans Tageslicht zu bringen, klaren gesetzlichen Regeln zu unterwerfen und deren Einhaltung zu überwachen. Im späteren Gesetzestext war vom „aussichtslosen Zustand des Patienten“ und „unerträglichen Leiden“ die Rede. Als mitleidloser Prinzipienreiter galt, wer damals vor dem Betreten der schiefen Ebene warnte oder kategorisch die Vorstellung ablehnte, dass aus Heilern Henker würden und dies gar mit dem „Eid des Hippokrates“ zu begründen können glaubte.

    Wenn es noch eines Beweises bedürfte, wie recht die Kassandras von damals hatten, hätte ihn die niederländische Regierung nun erbracht. Denn ihre Ankündigung, die „Tötung auf Verlangen“ demnächst auch lebensmüden, alten Menschen ermöglichen zu wollen, belegt evident die Existenz der schiefen Ebene und des gebrochenen Damms. Und nicht nur das: Die Absicht, die „Tötung auf Verlangen“ auf Lebensmüde auszudehnen, ist auch ein Schlag in das Gesicht von allen, die täglich gegen manifeste Depressionen kämpfen, sei es von Berufswegen, sei es, weil sie sich als Betroffene gegen derartige schwere psychische Erkrankungen zur Wehr setzen. Darüber hinaus offenbart das Vorhaben der Regierung – für das es dem Vernehmen nach schon eine Mehrheit im Parlament geben soll – denselben Denkfehler, der auch schon 2001 dem Gesetz zugrunde lag und der ganz auf das Selbstbestimmungsrecht des Patienten abstellt. So wie damals nicht ersichtlich war, warum dieses schwerer wiegen soll, als das eines lebensmüden alten Menschen, so ist schon jetzt zu fragen, warum Letzteres nun höher gewichtet werden soll, als etwa das eines unglücklich Verliebten.

    von Stefan Rehder