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    Kommentar: Schavans Ritt auf der Rasierklinge

    Es ist ein Skandal. Und gleich ein mehrfacher. Denn aus dem im Bundestag gegen vielfachen Widerstand erstrittenen Recht, mittels einer Patientenverfügung im Voraus verbindlich festlegen zu können, wie man im Falle von Erkrankungen behandelt werden will, die es einem unmöglich machen, beizeiten in medizinisch indizierte Maßnahmen einzuwilligen oder diese abzulehnen – so etwa bei Bewusstlosigkeit oder fortgeschrittener Demenz – droht eine Pflicht zu werden. Wie anders soll man verstehen, dass das Ministerium von Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) mit 500 000 Euro ein kommerziell ausgerichtetes Modellprojekt fördert, das Menschen in Alters- und Pflegeheimen durch speziell geschultes Personal die Abfassung von Patientenverfügungen mit Methoden schmackhaft machen soll, die geeignet sind, Gedanken an Drückerkolonnen zu wecken? Dabei geht es nicht darum, Menschen Geld für Dinge aus dem Kreuz zu leiern, nach denen sie aus eigenem Antrieb niemals verlangt haben. Nein, das Ganze ist delikater. Es geht darum, Menschen, die nicht danach verlangen, ihr eigenes Ableben vor der Zeit rechtsverbindlich zu regeln, dazu zu bringen, es doch zu tun. Ganz nach dem Motto: Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss eben der Berg zum Propheten kommen. Die in der Debatte um die gesetzliche Neuregelung von Patientenverfügungen oft beschworene „Autonomie des Patienten“ soll sich offenbar nur darauf erschrecken, regeln zu können, wie man sterben will; im Extremfall nach erfolgloser Maximaltherapie oder eben – weil anders verfügt – auch vorzeitig aufgegeben. Keine Patientenverfügung auszufüllen, die für den Verfasser immer auch mit der Möglichkeit verbunden ist, sich – sei es gezielt, sei es unbeabsichtigt – selbst zu entsorgen, wird offenbar nicht als Ausdruck von Autonomie betrachtet. Selbst wer den Gedanken, der Staat könne gar beabsichtigen, Menschen zu einem „sozialverträglichen Frühableben“ zu bewegen, brüsk zurückweist, wird das als Ritt auf der Rasierklinge betrachten müssen (Siehe auch Beitrag auf Seite 9).

    Es ist ein Skandal. Und gleich ein mehrfacher. Denn aus dem im Bundestag gegen vielfachen Widerstand erstrittenen Recht, mittels einer Patientenverfügung im Voraus verbindlich festlegen zu können, wie man im Falle von Erkrankungen behandelt werden will, die es einem unmöglich machen, beizeiten in medizinisch indizierte Maßnahmen einzuwilligen oder diese abzulehnen – so etwa bei Bewusstlosigkeit oder fortgeschrittener Demenz – droht eine Pflicht zu werden. Wie anders soll man verstehen, dass das Ministerium von Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) mit 500 000 Euro ein kommerziell ausgerichtetes Modellprojekt fördert, das Menschen in Alters- und Pflegeheimen durch speziell geschultes Personal die Abfassung von Patientenverfügungen mit Methoden schmackhaft machen soll, die geeignet sind, Gedanken an Drückerkolonnen zu wecken? Dabei geht es nicht darum, Menschen Geld für Dinge aus dem Kreuz zu leiern, nach denen sie aus eigenem Antrieb niemals verlangt haben. Nein, das Ganze ist delikater. Es geht darum, Menschen, die nicht danach verlangen, ihr eigenes Ableben vor der Zeit rechtsverbindlich zu regeln, dazu zu bringen, es doch zu tun. Ganz nach dem Motto: Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss eben der Berg zum Propheten kommen. Die in der Debatte um die gesetzliche Neuregelung von Patientenverfügungen oft beschworene „Autonomie des Patienten“ soll sich offenbar nur darauf erschrecken, regeln zu können, wie man sterben will; im Extremfall nach erfolgloser Maximaltherapie oder eben – weil anders verfügt – auch vorzeitig aufgegeben. Keine Patientenverfügung auszufüllen, die für den Verfasser immer auch mit der Möglichkeit verbunden ist, sich – sei es gezielt, sei es unbeabsichtigt – selbst zu entsorgen, wird offenbar nicht als Ausdruck von Autonomie betrachtet. Selbst wer den Gedanken, der Staat könne gar beabsichtigen, Menschen zu einem „sozialverträglichen Frühableben“ zu bewegen, brüsk zurückweist, wird das als Ritt auf der Rasierklinge betrachten müssen (Siehe auch Beitrag auf Seite 9).

    von Stefan Rehder