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    Kommentar: Renaissance der Religion

    Ohne ein profundes Wissen um Religion lässt sich die Weltlage heute nicht stimmig deuten. Das mag jene betrüben, die jahrzehntelang predigten, Religion spiele nur noch im stillen Kämmerlein, nicht aber für das Selbstverständnis von Nationen und Kulturkreisen oder für das Verhältnis zwischen Bevölkerungsgruppen und Staaten eine Rolle. Die These, die Welt werde dem Beispiel Westeuropas folgend immer säkularer und das Phänomen Religion so zur reinen Privatsache marginalisiert, ist vielfach widerlegt. Am lautesten in der islamischen Welt, wo seit Jahrzehnten – und wohl auch noch für Jahrzehnte – ein blutiges Ringen um die Deutungshoheit über den Islam stattfindet. Doch auch in jenen Ländern Mittel- und Osteuropas, die über Jahrzehnte durch den atheistischen Totalitarismus geistig und kulturell verwüstet wurden, erfährt Religion eine Renaissance. Lenin und seinen Epigonen zum Trotz spielen die Kirchen in vielen kommunistisch devastierten Ländern heute wieder eine tragende, identitätsstiftende Rolle.

    Stephan Baier.
    Stephan Baier. Foto: DT

    Ohne ein profundes Wissen um Religion lässt sich die Weltlage heute nicht stimmig deuten. Das mag jene betrüben, die jahrzehntelang predigten, Religion spiele nur noch im stillen Kämmerlein, nicht aber für das Selbstverständnis von Nationen und Kulturkreisen oder für das Verhältnis zwischen Bevölkerungsgruppen und Staaten eine Rolle. Die These, die Welt werde dem Beispiel Westeuropas folgend immer säkularer und das Phänomen Religion so zur reinen Privatsache marginalisiert, ist vielfach widerlegt. Am lautesten in der islamischen Welt, wo seit Jahrzehnten – und wohl auch noch für Jahrzehnte – ein blutiges Ringen um die Deutungshoheit über den Islam stattfindet. Doch auch in jenen Ländern Mittel- und Osteuropas, die über Jahrzehnte durch den atheistischen Totalitarismus geistig und kulturell verwüstet wurden, erfährt Religion eine Renaissance. Lenin und seinen Epigonen zum Trotz spielen die Kirchen in vielen kommunistisch devastierten Ländern heute wieder eine tragende, identitätsstiftende Rolle.

    Das ist ein Grund zur Freude: Indoktrination und Staatsterror konnten die Sehnsucht der Menschen nach Gott nicht auslöschen. Der Atheismus hat kein Rezept, den ewigen Durst des Menschen zu stillen. Dennoch gilt es, die Renaissance der Religion genau unter die Lupe zu nehmen, wie es eine Studie des Pew Research Center in 18 Ländern getan hat: Wo die Identifikation mit der je eigenen Konfession sehr hoch, die eigene Glaubenspraxis aber gering ist, droht eine neuerliche Instrumentalisierung von Religion. In vielen orthodoxen Ländern fällt auf, dass nationale und kirchliche Zugehörigkeit gleichgesetzt werden, dass die Nationalkirche mehr als Bollwerk nationaler Identität denn als pilgerndes Gottesvolk wahrgenommen wird. Sicher, auch in katholischen Ländern wie Polen und Kroatien konnte die nationale Kultur angesichts der kommunistischen Tyrannei nur im Kirchenraum überleben. Die wiedergewonnene politische Freiheit sollte von den Konfessionen aber genutzt werden, sich von jeglicher Instrumentalisierung frei zu machen, um Gott und dem Heil der Menschen zu dienen.

    von Stephan Baier