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    Kommentar: Politik in Theorie und Praxis

    Gekniffen haben beide. Weder Bundeskanzlerin Angela Merkel, noch Vizekanzler Sigmar Gabriel haben am Sonntag in den TV-Interviews von ARD und ZDF die Frage nach ihrer jeweiligen Kanzlerkandidatur beantworten wollen. Stärke vermittelte dabei keiner. Doch ist das wirklich falsch? Demokratietheoretisch jedenfalls nicht. Denn in Demokratien ruft sich – zumindest theoretisch – niemand selbst zum Kandidaten aus, sondern bewirbt sich um eine Kandidatur und überlässt es dann den jeweiligen Gremien, ihn auch tatsächlich aufzustellen und mit dieser Aufgabe zu betrauen. Dass weder Merkel noch Gabriel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen einfach auf diesen Umstand hinwiesen, sondern jeweils den Eindruck erweckten, als entschieden sie ganz allein, wohin für sie die Reise bei der kommenden Bundestagswahl gehe, zeigt, dass der Vorwurf, deutsche Spitzenpolitiker seien mitunter völlig abgehoben, nicht allzuweit hergeholt ist. Zu fragen wäre allerdings auch, ob die Parteien und die Mehrheit der Bürger überhaupt etwas anderes wollen? Respektiert oder gar bewundert wird, so scheint es, von vielen, nur, wer Stärke ausstrahlt. Ob recht- oder unrechtmäßig, scheint dabei ebenso wenig zu interessieren, wie ob diese tatsächlich vorhanden oder nur vorgespielt ist.

    Stefan Rehder. Foto: DT

    Gekniffen haben beide. Weder Bundeskanzlerin Angela Merkel, noch Vizekanzler Sigmar Gabriel haben am Sonntag in den TV-Interviews von ARD und ZDF die Frage nach ihrer jeweiligen Kanzlerkandidatur beantworten wollen. Stärke vermittelte dabei keiner. Doch ist das wirklich falsch? Demokratietheoretisch jedenfalls nicht. Denn in Demokratien ruft sich – zumindest theoretisch – niemand selbst zum Kandidaten aus, sondern bewirbt sich um eine Kandidatur und überlässt es dann den jeweiligen Gremien, ihn auch tatsächlich aufzustellen und mit dieser Aufgabe zu betrauen. Dass weder Merkel noch Gabriel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen einfach auf diesen Umstand hinwiesen, sondern jeweils den Eindruck erweckten, als entschieden sie ganz allein, wohin für sie die Reise bei der kommenden Bundestagswahl gehe, zeigt, dass der Vorwurf, deutsche Spitzenpolitiker seien mitunter völlig abgehoben, nicht allzuweit hergeholt ist. Zu fragen wäre allerdings auch, ob die Parteien und die Mehrheit der Bürger überhaupt etwas anderes wollen? Respektiert oder gar bewundert wird, so scheint es, von vielen, nur, wer Stärke ausstrahlt. Ob recht- oder unrechtmäßig, scheint dabei ebenso wenig zu interessieren, wie ob diese tatsächlich vorhanden oder nur vorgespielt ist.

    Nirgendwo wird die merkwürdig ambivalente Beurteilung der Arbeit von Politikern derzeit so deutlich wie bei Merkel. Prescht sie vor, wie bei der Euro-Rettung, der Energiewende oder der Flüchtlingskrise, hält man ihr nationale Alleingänge und gar „Moralischen Imperialismus“ vor. Startet sie eine diplomatische Rundreise durch die EU-Staaten zur Vorbereitung auf den nächsten Gipfel, wird dies als Zeichen der Schwäche gedeutet. Weder Volk noch Journalisten sollten Mitleid mit Regierungschefs haben. Aber gedient wäre allen, wenn man sich auf stimmige Maßstäbe der Beurteilung einigen könnte. Den Wählern, weil sie ihre Stimmabgabe vor ihrem Gewissen und nicht einem Bauchgefühl verantworten müssen. Den Journalisten, weil sie nachvollziehbare Kriterien der Beurteilung benötigen. Und den Politikern, weil sie dem Volk und nicht sich selbst dienen sollen.