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    Kommentar: Mehr Mut, ihr alten Europäer!

    War es nicht immer so, dass Europa in und aus seinen Krisen wuchs? Einer psychologischen Dissertation würdig wäre jedenfalls die Gleichzeitigkeit der Erweiterungen des vereinten Europa und des Krisengeredes seiner Bürger. Wenn es in Europa eine echte Inflation gibt, dann im Gebrauch des Wortes „Krise“. Mit der Einigung Europas wurde eine seit Jahrzehnten erfolgreiche Zone der Stabilität, des Friedens, der Freiheit und des Rechts geschaffen – doch die Europäer reden sich von einer Depression in die nächste. In der Welt da draußen, wo Krieg, Armut und Unsicherheit dominieren, wo Europa bewundert oder beneidet wird, versteht das kein Mensch.

    War es nicht immer so, dass Europa in und aus seinen Krisen wuchs? Einer psychologischen Dissertation würdig wäre jedenfalls die Gleichzeitigkeit der Erweiterungen des vereinten Europa und des Krisengeredes seiner Bürger. Wenn es in Europa eine echte Inflation gibt, dann im Gebrauch des Wortes „Krise“. Mit der Einigung Europas wurde eine seit Jahrzehnten erfolgreiche Zone der Stabilität, des Friedens, der Freiheit und des Rechts geschaffen – doch die Europäer reden sich von einer Depression in die nächste. In der Welt da draußen, wo Krieg, Armut und Unsicherheit dominieren, wo Europa bewundert oder beneidet wird, versteht das kein Mensch.

    Das aktuelle Lamento betrifft den Untergang der Gemeinschaftswährung, der längst erfolgt wäre, wenn man ihn herbeireden und -schreiben könnte. Aber wieder einmal wächst Europa in und aus seiner Krise: Jetzt schließt sich als 17. EU-Staat Estland der Euro-Zone an. Obwohl die gesamtstaatliche Verschuldung nur 7,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beträgt (also ein Zehntel des deutschen Schuldenanteils) und die Esten bombensicher für alle kommenden Rettungspakete zur Kasse gebeten werden, zaudert man in Tallinn nicht. Warum riskieren die Sparmeister im Nordosten Europas, für die Schuldenstaaten in Euro-Land aufkommen zu müssen? Notenbankpräsident Andres Lipstock brachte es auf den Punkt: „Wir wollen im gleichen Sandkasten spielen wie die Deutschen. Das verleiht ein Gefühl der Sicherheit.“

    Wo die Erinnerung an die Sowjetdiktatur, an kommunistischen Totalitarismus und Fremdherrschaft noch lebendig ist, wird Europa nicht mit Krise und Depression identifiziert, sondern mit Freiheit und Sicherheit. Die baltischen Staaten traten der EU nicht aus ökonomischen Gründen bei, sondern weil es ihren Nationen Freiheit und Sicherheit garantierte, mit den Deutschen, Franzosen und Italienern „im gleichen Sandkasten spielen“ zu können. Wir Europäer brauchen heute keinen europäischen Nationalismus, aber die Erkenntnis vom Spiel in eben diesem gleichen Sandkasten.

    von Stephan Baier