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    Kommentar: In anderen Umstände

    Die Monate vor dem richtigen Wahlkampf – Wahlkampf ist natürlich immer – ist die Zeit der leisen Töne und der Selbstfindung. Da geht man in den Parteizentralen in sich und studiert Statistiken, Ergebnisse, gelegentlich schaut man auch aufs Programm, auf jeden Fall pocht man auf die Identität der Partei. Ortega y Gasset hat Identität einmal so definiert: „Yo soy yo y mis circunstancias – ich bin ich und meine Umstände“. In die Politik übersetzt heißt das: Im Wahlkampf kommt es auf das Yo an (hat nichts zu tun mit dem zustimmenden Jouh für jedermann), also auf die Mobilisierung vor allem der frustrierten Nichtwähler, die im bürgerlichen Lager besonders häufig anzutreffen sind. Am Wahlabend dagegen kommt es auf die Umstände, also auf die Zahlen an. Sie bestimmen die Koalitionsarithmetik.

    Jürgen Liminski. Foto: DT

    Die Monate vor dem richtigen Wahlkampf – Wahlkampf ist natürlich immer – ist die Zeit der leisen Töne und der Selbstfindung. Da geht man in den Parteizentralen in sich und studiert Statistiken, Ergebnisse, gelegentlich schaut man auch aufs Programm, auf jeden Fall pocht man auf die Identität der Partei. Ortega y Gasset hat Identität einmal so definiert: „Yo soy yo y mis circunstancias – ich bin ich und meine Umstände“. In die Politik übersetzt heißt das: Im Wahlkampf kommt es auf das Yo an (hat nichts zu tun mit dem zustimmenden Jouh für jedermann), also auf die Mobilisierung vor allem der frustrierten Nichtwähler, die im bürgerlichen Lager besonders häufig anzutreffen sind. Am Wahlabend dagegen kommt es auf die Umstände, also auf die Zahlen an. Sie bestimmen die Koalitionsarithmetik.

    Die leisen Distanzbemerkungen aus der Union gegenüber der FDP haben mehr mit der Mobilisierung der eigenen Stamm-Wähler zu tun als mit den von den Medien so heiß geliebten Personalgeschichten. Nein, die tänzelnden Absatzschrittchen weg von der FDP dienen der Selbstfindung und sind als graziöser Hinweis an die Wähler auf das eigene Profil gedacht. Nur, dieses Profil ist ziemlich platt. Vielleicht folgen demnächst auch programmatische Aussagen, das würde die Glaubwürdigkeit erhöhen.

    Wie immer die Selbstfindungstänze ausfallen und der richtige Wahlkampf dann geführt wird, am Ende geben die „Umstände“ den Ausschlag. Wenn es für Schwarz-Gelb nicht reicht, dann wird es zu einer großen Koalition kommen. Denn anders ist die Bundesratsmehrheit mit den neun SPD-Ministerpräsidenten nicht zu knacken. Irgendwie muss man ja auch regieren können. Man ist sozusagen jetzt schon in anderen Umständen. Eine schwarz-grüne Koalition, von der mancher CDU-Politiker träumt, wäre jedenfalls ähnlich hilflos wie eine schwarz-gelbe, von den programmatischen Unterschieden mal ganz abgesehen. Mit Steinmeier, Gabriel und Co kann die Kanzlerin sich arrangieren. Die Herren sind solche Umstände gewohnt.