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    Kommentar: Himmelssturz der Demokratie

    Packende Spionage-Thriller, so dachte man bis vor kurzem, gibt es im Kino oder im Buchladen. Bei Autoren wie Ian Fleming („James Bond“), John Le Carr („Der Spion, der aus der Kälte kam“) oder Robert Harris („Ghostwriter“). Eindeutig festgelegt schien auch die dramaturgische Rollenverteilung zu sein: Amerikaner und Briten waren die Guten, die für Freiheit und Sicherheit kämpften, während obskure Agenten aus Asien, Lateinamerika oder Russland etwas Böses im Schilde führten.

    Packende Spionage-Thriller, so dachte man bis vor kurzem, gibt es im Kino oder im Buchladen. Bei Autoren wie Ian Fleming („James Bond“), John Le Carr („Der Spion, der aus der Kälte kam“) oder Robert Harris („Ghostwriter“). Eindeutig festgelegt schien auch die dramaturgische Rollenverteilung zu sein: Amerikaner und Briten waren die Guten, die für Freiheit und Sicherheit kämpften, während obskure Agenten aus Asien, Lateinamerika oder Russland etwas Böses im Schilde führten.

    Seitdem der amerikanische Ex-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden geheime Daten über die globalen Computer-Spähprogramme der Amerikaner und Briten („Prism“ und „Tempora“) an die Medien weitergegeben hat, weil er die demokratische Rechtsstaatlichkeit und Privatsphäre der Bürger in Gefahr sieht, ist alles anders. Das Genre und die realpolitische Wirklichkeit müssen neu definiert werden. Wer die Guten, wer die Bösen sind, bedarf einer Neukonzeption, einer Neuordnung. Fest steht nur: Schon jetzt wirkt die globale Jagd der Vereinigten Staaten auf Snowden, der sich zwischen Hong Kong und Moskau, Havanna und Quito in Ecuador bewegt, wie der Himmelssturz (englisch: Skyfall) der westlichen Demokratien. Die schlimmstmögliche Wendung des westlichen Anspruchs auf Transparenz und Redefreiheit. Der Held ist zum Verfolgten geworden.

    Wobei man nur schwer abschätzen kann, über wen man bei diesem Real-Thriller entsetzter sein sollte: Über die westlichen Geheimdienste, die sich jenseits aller rechtsstaatlichen Regelungen ein unerhörtes Schattenmacht-Dasein aufgebaut haben, oder über die Regierungen, die ihren Wählern gezielt verheimlicht haben, dass sie (und noch dazu in beschämendem Umfang) beobachtet und bespitzelt worden sind und werden. Die Bekämpfung des Terrorismus, diese immer wieder gern zitierte Entschuldigungsphrase für die technische Ausweitung der Kontrollzone, hat mittlerweile einen faden Beigeschmack. Und man fragt sich, wo der wahre Terrorismus liegt.

    von Stefan Meetschen