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    Kommentar: Erdogan ist angeschlagen

    Die Türkei ist keine Diktatur, in der Wahlen eine Formalität ohne Chance auf Wandel wären. Das haben die Wahlen von Istanbul gezeigt. Von Stephan Baier

    Oppositionskandidat gewinnt Bürgermeisterwahl in Istanbul
    24.06.2019, Türkei, Istanbul: Anhänger von Ekrem Imamoglu, dem Kandidaten der oppositionellen Republikanischen Volkspart... Foto: Onur Gunay (Imamoglu Media team)

    Die türkische Demokratie lebt! Das ist die gute Nachricht aus Istanbul. Alle Gleichschaltung der Medien, alle Verschwörungstheorien und Lügen, alle Entlassungen und Verhaftungen haben die Türken nicht zu willenlosen Untertanen gemacht. Auch wenn die autokratischen Bestrebungen von Präsident Erdogan unübersehbar sind: Die Türkei ist keine Diktatur, in der Wahlen eine Formalität ohne Chance auf Wandel wären. Die Wähler wollten den Machtwechsel in Istanbul, das haben sie in der wiederholten Wahl bekräftigt.

    Der Verlust des Bürgermeister-Throns von Istanbul trifft den Lebensnerv der AKP

    Überall sonst hätte die seit 2002 machtverwöhnte AKP eine kommunale Niederlage irgendwie verschmerzen können, aber der Verlust des Bürgermeister-Throns von Istanbul trifft den Lebensnerv. Hier kam Erdogan zur Welt, hier startete er seine politische Karriere, hier war er von 1994 bis 1998 Oberbürgermeister – und hier begann nun sein Mythos zu wanken und sein Ende denkbar zu werden. Erdogans Macht verdankt sich nicht nur seiner Unerschrockenheit und Rücksichtslosigkeit, sondern auch dem Glauben – seiner Anhänger wie vieler seiner Gegner – an seine Unbesiegbarkeit. Immer wieder war es das Volk, das dem Volkstribun in der Not half: zunächst gegen das alte kemalistische Establishment und die mächtigen Generäle, später gegen oppositionelle Medien und Parteien. Jetzt aber hat das Volk ihn verlassen, und es begann ausgerechnet in Istanbul. Der Sultan ist angeschlagen, seine Macht ist erschüttert. Und jetzt wissen es alle: die den starken Mann wünschten, und die ihn fürchteten.

    Wer Kleinasien beherrschen will, muss Istanbul beherrschen

    Istanbul ist die größte, reichste, wirtschaftlich potenteste, kulturell vitalste Metropole der Türkei. Aber Istanbul ist noch mehr: das pulsierende Herz des Landes, ohne das der Kreislauf kollabiert. Wer die Kleinasien beherrschen will, muss diese Stadt beherrschen. Kaiser Konstantin wusste das, Sultan Mehmet der Eroberer wusste das, Erdogan weiß das. Und seine Gegner wissen es auch.

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