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    Kommentar: Eine Karikatur der Kirche

    Selbstverständlichkeiten öffentlich klarstellen zu müssen signalisiert, dass eine Institution in den Krisenmodus geschaltet hat. Vor dem Fest der unschuldigen Kinder bekräftigte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin Bekanntes: Aus Sicht der katholischen Kirche bleibt die Tötung Ungeborener eine schwere Sünde. Dass das von so hoher Warte aus überhaupt gesagt werden muss liegt an der Eigendynamik, die sich insbesondere in Lateinamerika um das Pontifikat entwickelt: In Brasilien warb kürzlich eine Organisation mit dem Konterfei des Heiligen Vaters für Abtreibung mit dem Slogan „Alles vergeben von Papst Franziskus“. In Zeiten des Zika-Virus ein enthemmender Impuls für verunsicherte Schwangere. Dennoch blieb eine umgehende und medial wirksame Korrektur der Bischofskonferenz zwecks Schadensbegrenzung aus.

    Regina Einig, Autorin
    Regina Einig. Foto: DT

    Selbstverständlichkeiten öffentlich klarstellen zu müssen signalisiert, dass eine Institution in den Krisenmodus geschaltet hat. Vor dem Fest der unschuldigen Kinder bekräftigte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin Bekanntes: Aus Sicht der katholischen Kirche bleibt die Tötung Ungeborener eine schwere Sünde. Dass das von so hoher Warte aus überhaupt gesagt werden muss liegt an der Eigendynamik, die sich insbesondere in Lateinamerika um das Pontifikat entwickelt: In Brasilien warb kürzlich eine Organisation mit dem Konterfei des Heiligen Vaters für Abtreibung mit dem Slogan „Alles vergeben von Papst Franziskus“. In Zeiten des Zika-Virus ein enthemmender Impuls für verunsicherte Schwangere. Dennoch blieb eine umgehende und medial wirksame Korrektur der Bischofskonferenz zwecks Schadensbegrenzung aus.

    Der lange Schatten der radikalen Befreiungstheologie holt das Pontifikat in Lateinamerika ein. Dass Papst Franziskus auch nach dem Jahr der Barmherzigkeit Personen, die durch Abtreibung schwere Schuld auf sich geladen haben, die Tür zum Beichtstuhl weit aufhält, ist vielerorts erst gar nicht kommunziert worden. Auf der Agenda der Ortskirchen haben andere Themen oft Vorrang. Glaubt man dem Altmeister der Befreiungstheologen, Leonardo Boff, so steht etwa die Lockerung des priesterlichen Zölibats auf der Wunschliste der brasilianischen Bischöfe. Auch hier musste Kardinal Parolin bremsen. Ob seine Intervention das Spiel der Kirchenpolitik auf Dauer unterbinden kann, scheint fraglich. Denn nicht nur in Ländern mit hoher Analphabetenquote steigt das Risiko, bei Gläubigen durch gezielte Desinformation eine Karikatur der Kirche zu zeichnen. Angesichts des weitgehenden Zusammenbruchs der Katechese ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis manche Spielarten geistlicher Vormundschaft, unter die viele Gläubige in Lateinamerika schuldlos geraten sind, auch in Europa Fuß fassen. Denn fehlendes Glaubenswissen ist der Boden, auf dem die giftigen Früchte geistlicher Manipulation am schnellsten gedeihen.