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    Kommentar: Die neue Spießigkeit

    Es ist noch gar nicht lange her, da galt Heiraten als „sowas von gestern“. Lebenslange Treue? Die schworen sich vielleicht noch die Mauerblümchen aus dem Abiturjahrgang. Mit großem Trara verabschiedeten sie sich von ihrer jugendlichen Freiheit in den Ernst der Ehe, der bald darauf ein paar Kinder, ein Hund und ein Haus mit Vorgarten folgten. Ein Leben zum Gähnen, müssen sich die anderen gedacht haben: Wie spießig, in offiziell geordneten Verhältnissen zu leben. Die Tonangeber begaben sich auf Reisen, machten mehrere Karrieren, hatten vielleicht einen Hund, aber keine Kinder.

    Es ist noch gar nicht lange her, da galt Heiraten als „sowas von gestern“. Lebenslange Treue? Die schworen sich vielleicht noch die Mauerblümchen aus dem Abiturjahrgang. Mit großem Trara verabschiedeten sie sich von ihrer jugendlichen Freiheit in den Ernst der Ehe, der bald darauf ein paar Kinder, ein Hund und ein Haus mit Vorgarten folgten. Ein Leben zum Gähnen, müssen sich die anderen gedacht haben: Wie spießig, in offiziell geordneten Verhältnissen zu leben. Die Tonangeber begaben sich auf Reisen, machten mehrere Karrieren, hatten vielleicht einen Hund, aber keine Kinder.

    Heute sind es die Tonangeber, die heiraten wollen. Und zwar alles und jeden. „Die Ehe für alle!“ lautet ihr Ruf. Besser nicht, möchte man dagegenhalten, mit einem vorsichtigen Blick auf die im Pink des Grauens verkleideten Gruppen beschwipster Bräute, die jeden Samstag die Innenstädte überschwemmen. Aber keine Chance: Heiraten ist eben wieder „in“. Die Zeiten haben sich geändert. Heute sehnen sich die Menschen nach Beständigkeit und Sicherheit. Offenbart der Trend also eine allgemeine Rückbesinnung auf traditionelle Werte? Nicht ganz. Denn das nachvollziehbare und auch leicht erklärbare Bedürfnis nimmt inzwischen seltsame Züge an. Das lässt sich an vielen anderen Entwicklungen beobachten: Man klagt sich in Studienplätze, ergattert seinen Job nach Quote. Der Lebenslauf geht vor Liebe, man hat „safer Sex“, das „Recht“ auf kein Kind oder auf ein gesundes. Nichts darf mehr geschehen – alles muss gemacht werden, und zwar geordnet. Nur das Passende wird toleriert; wächst ein Halm dagegen, wird er gnadenlos gekappt. Die neue Spießigkeit produziert sich aus einem Egoismus, der jegliches Ich verloren hat. Der aus Personen selbstverliebte Persönchen macht, die völlig abhängig sind von Konsum, Prestige, finanziellen Anreizen und mediengemachten Entscheidungen. Die in ihrer eigensinnigen Verbohrtheit gleichzeitig schrecklich mächtig sind. Findet er die geeigneten Mittel, hat der Staat mit solchen Bürgern ein leichtes Spiel. Glücklich werden darin allerdings nur die Rechtsanwälte.