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    Kommentar: Die CSU hat verstanden

    Die Unschuldigsten und Wehrlosesten beseitigen. Von Stefan Rehder

    Die CSU will die Abtreibungszahlen senken. Das kann Katholiken nicht zufriedenstellen. Schon deshalb nicht, weil die Tötung eines wehrlosen und unschuldigen Menschen ein „abscheuliches Verbrechen“ (II. Vatikanum) darstellt. Und ein solches wird nun einmal nicht weniger abscheulich, wenn es seltener verübt wird. Andererseits hat die CSU mit ihrem in Seeon einstimmig beschlossenen Papier Forderungen erhoben, die weiter reichen als die jeder anderen Partei. Mehr noch: Während Linke und Grüne öffentlich nicht nur die Abschaffung des Werbeverbots für Abtreibungen (§ 219a), sondern auch die Streichung vorgeburtlicher Kindstötungen (§ 218) aus dem Strafgesetzbuch fordern, und weite Teile von SPD und FDP damit sympathisieren, bekennen sich CSU und CDU zum 1995 mühsam ausgehandelten Kompromiss. Diesen kann man aus guten Gründen für einen „faulen“ halten. Aber es gibt etwas, das noch schlechter ist, als ein fauler Kompromiss. Und das ist: Gar keiner.

    Wie in Frankreich gibt es auch in Deutschland eine parlamentarische Mehrheit für die völlige Freigabe von Abtreibungen, ist die politische und gesellschaftliche Elite mehrheitlich bereit, sich den Bären aufbinden zu lassen, es gebe ein Frauen- oder gar Menschenrecht auf vorgeburtliche Kindstötungen. Dieser ist freilich so monströs, dass man schon intellektuell daran verzweifeln kann, wie Menschen, die Eins und Eins erfolgreich addieren, darauf verfallen können. Denn wenn es keine gute Idee ist, dass Menschen einander umbringen, kann es auch kein Recht geben, das es gestattet, die Unschuldigsten und Wehrlosesten zu beseitigen.

    Politiker müssen die Welt nehmen, wie sie ist. Erst dann können sie diese – Schritt für Schritt – auch so gestalten, wie sie sein sollte. Gleiches gilt auch für jene im vorpolitischen Raum. Mehr noch: Sie müssen auch Politiker so nehmen, wie sie sind und können ihnen nur – Schritt für Schritt – zu Erkenntnisfortschritten verhelfen. In Seeon hat die CSU unter Beweis gestellt, dass sie mehr als jede andere Partei verstanden hat und die kritische Solidarität von Katholiken verdient.

    von Stefan Rehder

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