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    Kommentar: Der katholische Anti-Utopist

    Robert Spaemann wird am Freitag 90. Einer der bedeutendsten katholischen Denker des 20. Jahrhunderts kann damit auf ein langes, wissenschaftlich und publizistisch ungeheuer fruchtbares Leben zurückblicken. Denken ist dabei natürlich immer mehr als Biographie. Aber entscheidende Impulse und Anstöße hat der gebürtige Berliner durch seine Vita doch erfahren. Da ist die Gottsuche seiner unkonventionellen Eltern – Kommunist der Vater, Tänzerin die Mutter, da ist das Erleben der Barbarei der Nazi-Zeit, eine eigene kurze marxistische Phase, die Kulturrevolution der sechziger Jahre, der Werterelativismus der Jetzt-Zeit. Spaemann hat so biografisch in allen möglichen Ausformungen erfahren, was sein Lebensthema werden sollte: die totalitäre Versuchung der Moderne. Die Aufklärung müsse gegen ihre Selbstdeutung verteidigt werden, meinte er einmal im Gespräch mit dieser Zeitung. Ohne Gott und die Wahrheitsfrage beseitige sie nämlich ihre Grundlagen. Unablässig hat er deshalb versucht, das Gerücht von Gott denkerisch wachzuhalten.

    Oliver Maksan. Foto: DT

    Robert Spaemann wird am Freitag 90. Einer der bedeutendsten katholischen Denker des 20. Jahrhunderts kann damit auf ein langes, wissenschaftlich und publizistisch ungeheuer fruchtbares Leben zurückblicken. Denken ist dabei natürlich immer mehr als Biographie. Aber entscheidende Impulse und Anstöße hat der gebürtige Berliner durch seine Vita doch erfahren. Da ist die Gottsuche seiner unkonventionellen Eltern – Kommunist der Vater, Tänzerin die Mutter, da ist das Erleben der Barbarei der Nazi-Zeit, eine eigene kurze marxistische Phase, die Kulturrevolution der sechziger Jahre, der Werterelativismus der Jetzt-Zeit. Spaemann hat so biografisch in allen möglichen Ausformungen erfahren, was sein Lebensthema werden sollte: die totalitäre Versuchung der Moderne. Die Aufklärung müsse gegen ihre Selbstdeutung verteidigt werden, meinte er einmal im Gespräch mit dieser Zeitung. Ohne Gott und die Wahrheitsfrage beseitige sie nämlich ihre Grundlagen. Unablässig hat er deshalb versucht, das Gerücht von Gott denkerisch wachzuhalten.

    Spaemann, der sich trotz seines orthodoxen Katholizismus immer dagegen verwahrte, als katholischer Philosoph apostrophiert zu werden, sondern sich als Katholik und Philosoph verortete, schöpft als Denker aus den tiefen Quellen des europäischen Geistes. Mitglied der skeptischen, anti-utopischen Generation, will er den Menschen aus der Unterwerfung unter die Bedingungen seiner Selbsterhaltung zu echter Selbstverwirklichung befreien. Der Mensch ist dabei aber auch Natur und steht ihr nicht einfach nur verzweckend gegenüber. Trotz seines ethischen Idealismus blieb er politisch immer Realist, bekämpfte Atomkraft und -Bombe, verteidigte aber die Nachrüstung ebenso energisch. Jede Asymmetrie der Verteilung der unsittlichen Waffe hätte die Gefahr der Anwendung erhöht.

    So sehr Spaemanns Geburtstag ein Grund zur Freude und Dankbarkeit ist, wird so kurz nach einem anderen 90. Geburtstag die bange Frage laut: Wo sind künftig die Großen, die über kirchliche Echoräume hinaus noch Debatten prägen können? (siehe auch Seite 10)