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    Kommentar: Der Ball der Versöhnung

    Mag Europa auch aus allen finanziellen Nähten platzen, mag die Arabische Revolution anstelle der Vision eines neuen demokratischen Zeitalters inzwischen realpolitische Katerstimmung erzeugen – es tut sich etwas in der Welt. Etwas Gutes. Und zwar ausgerechnet da, wo viele Zeitgenossen es am wenigsten erwarten: Bei der Kirche, durch die Kirche.

    Mag Europa auch aus allen finanziellen Nähten platzen, mag die Arabische Revolution anstelle der Vision eines neuen demokratischen Zeitalters inzwischen realpolitische Katerstimmung erzeugen – es tut sich etwas in der Welt. Etwas Gutes. Und zwar ausgerechnet da, wo viele Zeitgenossen es am wenigsten erwarten: Bei der Kirche, durch die Kirche.

    So hat sich der griechisch-katholische Großerzbischof von Kiew und Halytsch, Swatoslaw Schewtschuk, an diesem Wochenende bei einem Festgottesdienst in Kolomea vor rund 25 000 Gläubigen für eine religiös fundierte „Versöhnung der Völker in der Ukraine“ ausgesprochen. Und, als wäre dies nicht schon ein kultureller Kraftakt per excellence, auch gleich die „Aussöhnung der katholischen Orts- und Teilkirchen mit dem Moskauer Patriarchen“ in den Blick genommen.

    Mit genau dem Mann also, der vor gut einer Woche in Warschau die polnisch-russische Erklärung zur Versöhnung unterzeichnet hat: Kyrill I. Eine Erklärung, die man angesichts des historisch belasteten Verhältnisses beider Länder getrost als historisch bezeichnen kann. Großerzbischof Schewtschuk will ähnliches erreichen. Dass er nicht unwichtig ist, zeigt sich schon darin, dass die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine die weltweit größte mit Rom unierte Kirchengemeinschaft ist und in der Ukraine immerhin die größte christliche Konfession neben den drei orthodoxen ausmacht. Eine gesellschaftlich relevante Gruppe also.

    Was nichts daran ändert, dass Schewtschuk aus der Position eines Opfers spricht. Jahrzehntelang war die griechisch-katholische Kirche im Sowjetreich Untergrundkirche. Sie wurde blutig verfolgt. Auch nach der offiziellen Anerkennung 1990 sind die Ressentiments ihr gegenüber in der orthodoxen Kirche nicht vollständig ausgelöscht. So gesehen hat Schewtschuk den Ball der Versöhnung geschickt auf Kyrill I. gespielt. Der Moskauer Patriarch ist nun als nächster am Zug. Wie wird er reagieren? Jenseits aller Taktiken wäre eine weitere Versöhnungserklärung ein schönes Signal.