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    Kommentar: Das Wort sucht Zeugen

    Es ist leicht, sich über jene lustig zu machen, die „alle heiligen Zeiten“ mal in eine Kirche finden, die jetzt wieder am Heiligen Abend unsicher herumblickten, wann die anderen aufstehen, oder wie man das Kreuzzeichen macht. Es ist leicht, über sie zu schmunzeln. Es ist aber auch falsch. In einer Zeit der ersten atheistischen Großmütter sind sie die Mutigen, die über den langen Schatten der Profanierung und Banalisierung des Weihnachtsfestes springen, die – egal, ob aus Sehnsucht oder Neugier, oder aus familiären Gründen – von distanten Beobachtern zu Handelnden wurden. Warum lesen Hunderttausende in der Karwoche auf Wikipedia nach, was „Ostern“ bedeutet, und im Dezember, was unter „Weihnachten“ zu verstehen ist? Erstens, weil sie es nicht wissen; und das ist schade. Zweitens, weil sie es wissen wollen; und das ist großartig. Drittens, weil Wikipedia die Glaubenskongregation der säkularen Gesellschaft ist, weil jedermann sich hier Fakten und „Wahrheit“ abholt.

    Stephan Baier.
    Stephan Baier. Foto: DT

    Es ist leicht, sich über jene lustig zu machen, die „alle heiligen Zeiten“ mal in eine Kirche finden, die jetzt wieder am Heiligen Abend unsicher herumblickten, wann die anderen aufstehen, oder wie man das Kreuzzeichen macht. Es ist leicht, über sie zu schmunzeln. Es ist aber auch falsch. In einer Zeit der ersten atheistischen Großmütter sind sie die Mutigen, die über den langen Schatten der Profanierung und Banalisierung des Weihnachtsfestes springen, die – egal, ob aus Sehnsucht oder Neugier, oder aus familiären Gründen – von distanten Beobachtern zu Handelnden wurden. Warum lesen Hunderttausende in der Karwoche auf Wikipedia nach, was „Ostern“ bedeutet, und im Dezember, was unter „Weihnachten“ zu verstehen ist? Erstens, weil sie es nicht wissen; und das ist schade. Zweitens, weil sie es wissen wollen; und das ist großartig. Drittens, weil Wikipedia die Glaubenskongregation der säkularen Gesellschaft ist, weil jedermann sich hier Fakten und „Wahrheit“ abholt.

    Noch vor einer Generation hätten Kirchenhasser und Mess-Boykotteure in Europa zu sagen gewusst, was Christen glauben, was sie an Weihnachten und Ostern feiern. Heute können Deutsche und Österreicher (ohne Migrationshintergrund) aufwachsen, ohne in ihrem Alltag zu erfahren, dass Weihnachten mehr ist als ein winterliches Lichterfest zum wechselseitigen Geschenkeaustausch. Die Ahnungslosigkeit ist erschreckend – aber auch eine Chance. Dann nämlich, wenn jene, die nicht nur aus Neugier oder Zufall, und nicht nur „alle heilige Zeiten“ in die Kirche gehen, ihre Auskunftsfähigkeit und Auskunftswilligkeit zurückgewinnen. Wenn Christen bereit sind, Zeugnis zu geben von dem „wahren Licht, das jeden Menschen erleuchtet“, wenn sie von dem Wort zu berichten wissen, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat. Das ist in unseren Breiten wieder Erstverkündigung geworden, und so geraten Christen auch in Europa heute mitunter in die Rolle des Johannes, wenn sie Zeugnis für Ihn ablegen. Vor Selbstmitleid bewahrt da der Blick auf so viele Christen weltweit, deren Zeugenschaft an das Schicksal des Stephanus erinnert.