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    Kommentar: Christen wollen keine Reservate

    Der politischen Führung der Kurden im Nord-Irak genügt die Autonomie nicht länger, sie strebt nach einem eigenen Staat. Das ist verständlich angesichts der Größe des kurdischen Volkes, der westlichen Versprechen vor einem Jahrhundert, der gegenwärtigen Gefahren wie des offenbar nie endenden Chaos im Irak. Verständlich sind auch andere Wünsche und Sehnsüchte: Den Alawiten Syriens scheint ein Leben unter sunnitischer Dominanz ebenso wenig zumutbar wie den Sunniten im Zentral-Irak ein Leben unter schiitischer Bevormundung. Die Idee, die vor einem Jahrhundert künstlich gezogenen Grenzen jetzt zu korrigieren und die gegenwärtigen Staaten des Orients in kleinere zu zerlegen, schmeckt deshalb vielen: jenen, deren alter Traum von der Eigenstaatlichkeit bisher unerfüllt blieb, aber auch den starken Regionalmächten, die sich dann Einflusszonen sichern könnten. Moskau bekäme mit einem Alawiten-Staat eine Kolonie am Mittelmeer, die Saudis erhielten die Dominanz über den Rest Syriens. Nach einer Loslösung des kurdischen Nordens würde der Irak noch stärker zur Einflusszone Teherans. Und das nordirakische Kurdistan würde zum Magneten für die von Selbstbestimmung träumenden Kurden in Syrien und in der Türkei. Kein Zweifel: Mit neuen Grenzen und neuen Staaten in Nahost wäre auch der Keim zu neuen Kriegen gelegt. Der „Dreißigjährige Krieg“ innerhalb der islamischen Welt würde mit neuen Motiven, Gründen und Argumenten neu entflammen.

    Stephan Baier.
    Stephan Baier. Foto: DT

    Der politischen Führung der Kurden im Nord-Irak genügt die Autonomie nicht länger, sie strebt nach einem eigenen Staat. Das ist verständlich angesichts der Größe des kurdischen Volkes, der westlichen Versprechen vor einem Jahrhundert, der gegenwärtigen Gefahren wie des offenbar nie endenden Chaos im Irak. Verständlich sind auch andere Wünsche und Sehnsüchte: Den Alawiten Syriens scheint ein Leben unter sunnitischer Dominanz ebenso wenig zumutbar wie den Sunniten im Zentral-Irak ein Leben unter schiitischer Bevormundung. Die Idee, die vor einem Jahrhundert künstlich gezogenen Grenzen jetzt zu korrigieren und die gegenwärtigen Staaten des Orients in kleinere zu zerlegen, schmeckt deshalb vielen: jenen, deren alter Traum von der Eigenstaatlichkeit bisher unerfüllt blieb, aber auch den starken Regionalmächten, die sich dann Einflusszonen sichern könnten. Moskau bekäme mit einem Alawiten-Staat eine Kolonie am Mittelmeer, die Saudis erhielten die Dominanz über den Rest Syriens. Nach einer Loslösung des kurdischen Nordens würde der Irak noch stärker zur Einflusszone Teherans. Und das nordirakische Kurdistan würde zum Magneten für die von Selbstbestimmung träumenden Kurden in Syrien und in der Türkei. Kein Zweifel: Mit neuen Grenzen und neuen Staaten in Nahost wäre auch der Keim zu neuen Kriegen gelegt. Der „Dreißigjährige Krieg“ innerhalb der islamischen Welt würde mit neuen Motiven, Gründen und Argumenten neu entflammen.

    Für die Christen dieser von Gewalt so grausam durchgepflügten Region gibt es aber noch einen Grund, neue Grenzziehungen mit Skepsis zu betrachten: Sie sind hier überall Minderheit und wollen zugleich überall Salz der Erde sein. Die arabischen Christen wollen nicht in Reservate gepfercht werden, etwa als geduldete Minorität in einem neuen Alawiten-Staat und einem souveränen Kurdistan. Sie wollen als freie Staatsbürger ihre vollen politischen, gesellschaftlichen und auch religiösen Rechte in ihren Heimatländern wahrnehmen und als Patrioten am Aufbau ihrer Heimat mitwirken.