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    Kommentar: Chaos auf der Balkan-Route

    Es ist eine Schande, dass Migranten vor den Küsten Europas im Meer ertrinken. Es ist eine Schande, dass mazedonische Polizisten Kriegsflüchtlinge, die dem Terror und der Gewalt in Syrien gerade entronnen sind, mit Tränengas, Gummiknüppeln und Blendgranaten auf Distanz zu halten versuchten. Es ist eine Schande, dass viele EU-Staaten täglich Flüchtlinge unregistriert weiterschicken, um nicht für deren Asylverfahren, Unterbringung und Versorgung zuständig zu sein. All das ist eine Schande, aber zugleich ein Warnsignal für den gesamten Kontinent: Die Staaten auf der Balkan-Route – und nicht nur sie – sind völlig überfordert. Länder wie Griechenland, Mazedonien, Serbien und auch Ungarn sind außerstande, den aktuellen Flüchtlingsstrom so zu managen, wie es die Würde der Migranten und die Sorge um die gesellschaftliche Stabilität ihrer Länder verlangen würde.

    Stephan Baier. Foto: DT

    Es ist eine Schande, dass Migranten vor den Küsten Europas im Meer ertrinken. Es ist eine Schande, dass mazedonische Polizisten Kriegsflüchtlinge, die dem Terror und der Gewalt in Syrien gerade entronnen sind, mit Tränengas, Gummiknüppeln und Blendgranaten auf Distanz zu halten versuchten. Es ist eine Schande, dass viele EU-Staaten täglich Flüchtlinge unregistriert weiterschicken, um nicht für deren Asylverfahren, Unterbringung und Versorgung zuständig zu sein. All das ist eine Schande, aber zugleich ein Warnsignal für den gesamten Kontinent: Die Staaten auf der Balkan-Route – und nicht nur sie – sind völlig überfordert. Länder wie Griechenland, Mazedonien, Serbien und auch Ungarn sind außerstande, den aktuellen Flüchtlingsstrom so zu managen, wie es die Würde der Migranten und die Sorge um die gesellschaftliche Stabilität ihrer Länder verlangen würde.

    Das Dublin-Abkommen ist faktisch längst gescheitert: Italien, Griechenland oder Ungarn können nicht all die hereinströmenden Menschen registrieren, um ihnen geordnete Asylverfahren zu bieten. Also versuchen sie, ihnen eine möglichst rasche Weiterreise zu ermöglichen. Auch Mazedonien gab am Sonntag jeden Versuch auf, den Strom zu stoppen. Serbien sieht sich außerstande, die nach Norden drängenden Migranten auf ihrer Durchreise zu ernähren. Nach Ungarn errichtet nun auch Bulgarien einen hohen Grenzzaun. Wenn Ungarns Staatspräsident Janos Ader von einer „Völkerwanderung“ spricht, und davon, dass „hunderttausende Einwanderer die Grenzen Ungarns belagern“, dann zeigt das vor allem die Überforderung der Staaten und die Hilflosigkeit ihrer Politiker. Jahrelang hat nationaler Kleingeist und Egoismus der EU-Mitgliedstaaten die Entwicklung einer wirklich europäischen Asylpolitik verhindert. Das rächt sich jetzt: Weil jeder seinen nationalen Schrebergarten verteidigte, kann nun keiner mehr seinen Schrebergarten schützen und ordnen. Nur gemeinsam können wir Europäer diese „Völkerwanderung“ bewältigen, den Menschen auf der Flucht Zuflucht gewähren und unsere Staaten vor dem sozialen und politischen Kollaps bewahren.