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    Kommentar: Bürger in Bewegung

    Es gärt im bürgerlichen Lager: Viele Wähler fühlen sich in der aktuellen politischen Lage heimatlos. Wer kann in einer solchen Situation Orientierung bieten? Von Sebastian Sasse

    Es gärt im bürgerlichen Lager. Um sich das zu verdeutlichen, ist es hilfreich, sich einen alten Spruch vor Augen zu führen: Augen zu, CDU. Dieser Satz fiel schon vor 20 Jahren am Stammtisch, etwa von denen, die unzufrieden darüber waren, dass Kohls „geistig-moralische Wende“ nie so recht eingesetzt hat. Nur früher haben diese Unzufriedenen eben dann letztlich doch bei der Wahl ihr Kreuz bei der Union gemacht.

    Das ist heute anders: Zum Einen, weil die Union Angela Merkels eben noch einmal eine ganz andere als die Helmut Kohls ist. Mit Kohl war man vielleicht unzufrieden, Merkel ist vielen alten Stammwählern fremd. Der zweite Punkt: Die Union war sich sicher, die Konservativen werden mangels Alternative sowieso für uns stimmen. Besondere Zuwendung benötigen sie nicht. Das rächt sich nun: Es gibt eine Alternative. Oder: Zumindest sehen viele in der Partei, die diesen Anspruch im Namen trägt, tatsächlich eine solche. Ob die AfD wirklich eine Alternative für bürgerlich-konservative Wähler sein könnte, daran sind nach ihrem letzten Parteitag endgültig Zweifel angebracht. Unterstützung fand vor allem der radikale nationalistische Flügel um Björn Höcke. Die Vertreter konservativ-bürgerlicher Positionen rutschten in die zweite Reihe.

    Freilich, das Problem bleibt: viele Wählergruppen fühlen sich heimatlos. Die Union scheint es langsam zu erkennen - darauf deuten die Äußerungen einiger Parteigranden (Rüttgers, Vogel, Töpfer), die leise Kritik an Merkel erkennen lassen. Eigentlich wäre jetzt ihre bayrische Schwester gefordert. Die CSU unter Strauß, aber auch unter Stoiber hat es vielen Konservativen erleichtert, die Union zu unterstützen. Doch statt Orientierung zu geben, verzetteln sich die Bayern in interne Machtkämpfe. Markus Söder soll also Ministerpräsident werden. Gewiss, ein rhetorischer Leisetreter ist er nicht. Das war aber Seehofer auch nicht. Ob das ausreichen wird, die in Bewegung geratenen Bürger wieder in die alte politische Heimat zurückzurufen, werden die bayrischen Landtagswahlen zeigen.

    Von Sebastian Sasse

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