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    Kommentar: Britische Tragödie

    Ein Land in der Sackgasse, aus der es unter keinen denkbaren Umständen unbeschädigt herausfindet. Von Engelbert Kouchat

    Großbritannien war immer ein sperriges EU-Mitglied, eigenwillig und starrköpfig. Es mied Gemeinsamkeiten, kultivierte kühle Distanz, schürte Ressentiments gegen Brüssel und den Kontinent. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Briten wären bei der Vision Churchills geblieben und hätten sich als wohlwollender Nachbar des vereinten Europa positioniert. Doch angesichts der Fieberschübe, die das (gerade noch) Vereinigte Königreich seit drei Jahren hin und her werfen, kann in Europa keine Schadenfreude aufkommen. Es ist eine Tragödie, selbstverschuldet und doch bedauerlich, die sich auf der Insel abspielt. Das Land versinkt im Chaos völliger Orientierungslosigkeit. Da ist keine Vision, die die Nationen (Plural!) des Königreichs einen und nach vorne blicken lassen könnte.

    Auffällig still sind die Maulhelden des Jahres 2016, die für den Fall des Brexit Milch und Honig versprachen. Stattdessen herrschen Rechtsunsicherheit und Planlosigkeit. Da führt kein Weg zurück zum glorreichen Empire. „Britannia, rule the waves!“ ist keine realistische Vision für ein 66 Millionen Einwohner zählendes Königreich im 21. Jahrhundert. Die glücklose Theresa May und ihr tollpatschiger Vorgänger David Cameron haben das Land in eine Sackgasse manövriert, aus der es unter keinen denkbaren Umständen unbeschädigt herausfindet. Die britische Staatskunst, wo ist sie geblieben?

    So schwer es fällt, dem linken Fundi Jeremy Corbin zu trauen: Vielleicht wäre Labours neuer Vorschlag, im Parlament über ein zweites Brexit-Referendum abzustimmen, sinnvoll. Nur das Volk kann das Volk korrigieren. In Demokratien wird nicht einmal für alle Ewigkeit abgestimmt, sondern immer wieder. Heute sind die Lügen, mit denen die Brexit-Propagandisten siegten, offenbar, und die rechtlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen sind klarer. Statt darauf zu wetten, dass Brüssel doch noch das Schiff baut, auf dem die Briten davonsegeln, oder dass die stabile Einheit der 27 EU-Partner bröckelt, sollte London die Verantwortung übernehmen: für einen harten Brexit oder ein zweites Referendum.

    von Engelbert Kouchat

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