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    Kommentar: Brandbrief aus Rom

    Keine Spur vom wohltemperierten Stil kurialer Schreiben hat Kardinal Sarah seiner Philippika zugestanden. Vieles ist nicht neu: Schon Joseph Ratzinger hat als Präfekt der Glaubenskongregation nicht verschwiegen, dass die Krise der Kirche auch eine Krise der Bischöfe ist.

    Regina Einig. Foto: DT

    Keine Spur vom wohltemperierten Stil kurialer Schreiben hat Kardinal Sarah seiner Philippika zugestanden. Vieles ist nicht neu: Schon Joseph Ratzinger hat als Präfekt der Glaubenskongregation nicht verschwiegen, dass die Krise der Kirche auch eine Krise der Bischöfe ist.

    Doch Kardinal Sarah geht noch einen Schritt weiter. Indirekt beklagt er einen Erosionsprozess im eigenen Haus. Das kuriale Instrumentarium scheint nicht zu greifen, wenn kreative Macher liturgische Missstände über Jahrzehnte hinweg unbehelligt einschleifen können. Wer, wenn nicht der Präfekt der Gottesdienstkongregation, sollte einschreiten, wenn säumige Bischofskonferenzen die Übersetzung des Messbuchs ungebührlich hinauszögern? Was hindert die Verantwortlichen daran, die Reißleine zu ziehen, wenn hochrangige Kleriker hartnäckig Irrtümer behaupten? Kardinal Sarah beschreibt Anarchie aus Prinzip, die nicht als missliche Einzelfälle schöngeredet werden kann. Dieser Strukturschaden scheint auch die den kurialen Diskretionspflichten unterliegende Arbeit der Gottesdienstkongregation zu lähmen.

    Die wichtigste Stellschraube der Kurie – Personalpolitik im Allgemeinen und Bischofsernennungen im Besonderen – funktioniert offensichtlich seit Jahrzehnten nicht zuverlässig. Ohne ungerechtfertigt zu verallgemeinern beschreibt der Kardinal die Hilflosigkeit innerhalb des Weltepiskopats. Die Crew scheint am Ende ihres Lateins zu sein.

    Soviel Zustimmung Kardinal Sarah gerade für seine Analyse auch erhalten mag – er verschafft dem Unmut lediglich ein Ventil. In den westlichen Ortskirchen ändert sich zunächst einmal nichts. Redliche Gläubige werden in Zukunft noch vorsichtiger urteilen – über den Papst, der Kardinal Sarahs Darstellung zufolge kein hochseetüchtiges Schiff übernommen hat. Und vielleicht auch über redliche Pfarrer, deren guter Wille, die Liturgie würdig zu feiern und die katholische Lehre ohne Abstriche zu verkündigen, im Mittelbau und bei Vorgesetzten durchaus nicht immer Anklang findet. Von den Pfarrgemeinden ganz zu schweigen.