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    Kommentar: Aus dem Gleis geworfen

    Drei Tage Staatstrauer in Spanien und sieben Tage Trauer in der Region Galicien nach dem schweren Zugunglück vor Santiago de Compostela machen das Fest des heiligen Jakobus in diesem Jahr zur Zäsur für die Nation. Der Schock spiegelt auch ein aus dem Gleis geworfenes Land, dessen ungebremstes „weiter so“ unzählige Familien in die Verzweiflung getrieben hat. Ins Gedächtnis eingeprägt hat sich der Satz des leicht verletzten Lokführers kurz nach dem Unfall, als er die Opferbilanz noch nicht kannte: Tote würden sein Gewissen belasten. Mittlerweile hat er Polizeischutz.

    Drei Tage Staatstrauer in Spanien und sieben Tage Trauer in der Region Galicien nach dem schweren Zugunglück vor Santiago de Compostela machen das Fest des heiligen Jakobus in diesem Jahr zur Zäsur für die Nation. Der Schock spiegelt auch ein aus dem Gleis geworfenes Land, dessen ungebremstes „weiter so“ unzählige Familien in die Verzweiflung getrieben hat. Ins Gedächtnis eingeprägt hat sich der Satz des leicht verletzten Lokführers kurz nach dem Unfall, als er die Opferbilanz noch nicht kannte: Tote würden sein Gewissen belasten. Mittlerweile hat er Polizeischutz.

    Im Zug saßen auch Pilger. Der Christusglaube als Wurzel der Apostelverehrung ist zwar für die Bevölkerung auf der iberischen Halbinsel kein gemeinsamer Nenner mehr. Aus Konvention absolvieren viele Regionalpolitiker am 25. Juli die Feierlichkeiten, ohne an den tieferen Sinn der Jakobusverehrung zu glauben. Galiciens Regionalregierung sagte die offiziellen Feierlichkeiten zu Ehren des Schutzpatrons Spaniens denn auch prompt ab. Der Boom der Jakobsverehrung erinnert die Spanier daran, dass das Apostelfest keine Pflichtübung ist, sondern eine Orientierungshilfe. Beter aus allen Nationen feierten am 25. Juli in der Kathedrale von Santiago de Compostela eine Gedenkmesse für die Opfer.

    Die Tragödie zeigt, dass der säkulare spanische Staat keine Voraussetzungen besitzt, um das Land zusammenzuhalten. Die Monarchie ist durch Skandale kompromittiert. Politikern traut ohnehin kein Spanier mehr etwas Gutes zu. Nicht jeder, der nun an Krankenbetten Betroffenheit bekundet, kann als wahrer Segen für die Opfer gelten. In der Stunde der Not ist nur eine Institution der Situation gewachsen: die Kirche. Mehr Trost und Vergebung kann niemand bieten. Seit Donnerstag sind aus allen Diözesen Nordspaniens Seelsorger in Santiago im Einsatz. Mag Ministerpräsident Rajoy über „das traurigste Jakobusfest seines Lebens“ klagen – zur Bilanz des 24. Juli gehört auch diese Erfahrung: Das laizistische Spanien braucht die Kirche. Wer dürfte das nach dieser Woche noch bestreiten?