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    Kirche darf sich institutionell nicht übernehmen

    Eminenz, welche der von den Synodenvätern angesprochenen Themen haben Ihnen besonders aus dem Herzen gesprochen?

    Eminenz, welche der von den Synodenvätern angesprochenen Themen haben Ihnen besonders aus dem Herzen gesprochen?

    Die Synodenväter haben viele Vorschläge gemacht im Hinblick auf Strukturen, Programme und auch Neuausgaben der Bibel. Das hat mich offen gestanden ziemlich kalt gelassen. Aber es gab sehr bewegende Bekenntnisse über die Kraft der Heiligen Schrift. Zum Beispiel hat der Bischof aus Lettland von einem Priester berichtet, der ihm in der Zeit des Kommunismus Religionsunterricht erteilte. Als er erwischt wurde, riss man ihm die Bibel aus der Hand, warf sie auf den Boden und verlangte, er solle darauf treten. Der Priester kniet nieder und küsste die Bibel. Dafür wurde er zu zehn Jahren Schwerstarbeit in Sibirien verurteilt. Als er nach der Haft wieder seine Pfarrkirche betrat, so berichtete der Bischof, weinte die Gemeinde. Dieses Ereignis habe die Gemeinde so geprägt, dass ihr das Wort Gottes in Fleisch und Blut übergegangen sei. Bemerkenswert war auch ein Zeugnis aus Afrika: Eine Familie, die von ihrem Mann verlassen worden war, nahm diesen wieder auf, nachdem der sich mit Dirnen eingelassen und mit Aids infiziert hatte. Die Frau gehörte einem Bibelkreis an. Das gab ihr Kraft, ihren Mann zu pflegen. An solchen Beispielen wird deutlich, dass die Heilige Schrift mehr ist als Literatur.

    Ein Vorschlag lautete, das Verhältnis der Kirche zur Judenmission zu klären. Sehen Sie in dieser Frage Klärungsbedarf?

    Nein. Christus ist für alle Menschen gestorben. Das verkündigen wir auch.

    Was haben Sie aus der Intervention des Heiligen Vaters mitgenommen?

    Dem Papst ging es um die Frage, die alle Beratungen durchzieht: Wie die geistliche Lesung mit der historisch-kritischen Methoden in Einklang zu bringen ist. Manche sagen, die historisch-kritische Methode ruiniere die lectio divina. Der Papst hat deutlich gemacht, dass ein Aspekt den anderen befruchtet. Die historisch-kritische Methode zeigt uns die Wirklichkeit: Das Wort ist Welt, d.h. hier Literatur, geworden. Diese Tatsache zu kennen, heißt dann, den göttlichen Inhalt des Wortes besser zu erkennen.

    Wie tauschen Sie sich mit den Bischöfen aus den anderen Sprachkreisen aus?

    Das geschieht durch die Moderatoren und Berichterstatter, die Kontakt halten zum Generalsekretär. Die Ergebnisse aller Sprachgruppen werden im Schlussbericht zusammengefasst.

    Die Bischöfe aus China fehlen bei der Synode.

    Das wundert mich nicht. Kommunismus ist eine Form des geistigen Imperalismus. Die Religionsfreiheit gehört zu den menschlichen Grundrechten. Wo sie nicht gewährleistet ist, wird der Mensch missachtet.

    Mit welchem Thema sollten sich die Synodenväter befassen?

    Mir ist ein Punkt wichtig, den ich in einer freien Diskussion schon angesprochen habe. Man sagt: „Das Wort ist Fleisch geworden.“ Das bedeutet: Das Wort muss Tat werden. Bildlich gesprochen darf man den Mund nur so weit auftun, so weit man auch die Hand aufmacht. Aber wie ist es nun, wenn man nur noch die Hand aufmacht, aber nicht mehr den Mund auftut? Das entspricht oft unserer Situation. Wir haben ein caritatives Werk, das nicht mehr spirituell abgedeckt ist. Die Urkirche hat das Problem durch den Einsatz von Diakonen gelöst. Das ist für uns keine Lösung mehr – wir haben ja Diakone. Die Synode sollte sich auch damit befassen, dass sich die Kirche institutionell nicht übernehmen darf.

    Von Regina Einig