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    „Keine Leistung von Ministern“

    Herr von der Trenck, die Zahl der genehmigten Fixierungen in Pflegeheimen ist gesunken, die Landesregierungen feiern dies als Erfolg.

    Stephan von der Trenck, Patientenberater und Fachanwalt für Medizinrecht. Foto: DSP

    Herr von der Trenck, die Zahl der genehmigten Fixierungen in Pflegeheimen ist gesunken, die Landesregierungen feiern dies als Erfolg. Sie sagen nun, dass sich die Minister mit fremden Federn schmücken würden: Wie meinen Sie das?

    Der offizielle Rückgang der Fixierungen ist keine Leistung von Ministern. Er hat andere Gründe. So gibt es bei Pflegeeinrichtungen und Betreuungsgerichten inzwischen einen Sinneswandel, alternative Methoden zu verwenden. Inzwischen werben Heimträger auch gern mit diesem Qualitätsmerkmal. Die Ruhigstellung mit Medikamenten wird in diesem Zusammenhang nicht thematisiert. Studien zeigen, dass hier in großem Umfang Missbrauch betrieben wird. Deshalb gehen wir Patientenschützer wegen der Grauzone von einer doppelt so hohen Zahl von Fixierungen aus als der MDK sie nennt.

    Der Medizinische Dienst der Krankenkassen zählt 145 000 Fixierungen. Wen betreffen diese drastischen Maßnahmen vor allem – und warum?

    Die freiheitsentziehenden Maßnahmen betreffen vor allem demenziell erkrankte Menschen, die mit Gurten ans Bett oder den Rollstuhl gefesselt oder mit Bettgittern und Medikamenten am Aufstehen gehindert werden. Diese Patienten sind deshalb besonders betroffen, weil sie körperlich zwar noch mobil sind, aber aufgrund ihrer Erkrankung zu Stürzen, zum Weglaufen und zu Spontanhandlungen neigen.

    Sind Ihnen Fälle ungerechtfertigter Fixierung bekannt? Wie sieht es mit Psychopharmaka aus?

    An unserem Patientenschutztelefon erfahren wir immer wieder von solchen Fällen. Beispielsweise werden Befristungen durch den Richter missachtet oder es wird eben nicht Tag für Tag neu geprüft, ob Fixierungen nötig sind. Das müsste aber geschehen. Zudem gibt es auch Grauzonen – nämlich faktische, aber nicht gemeldete Fixierungen, etwa den Stecktisch am Rollstuhl zu lassen, der eigentlich nur fürs Essen nötig ist... Nach dem Bericht des Medizinischen Dienstes aus 2012 lagen bei 11,2 Prozent der freiheitseinschränkenden Maßnahmen keine Einwilligung oder Genehmigung vor.

    Wie Sie sagen, ist auch das an den Rollstuhl geschraubte Tellertablett eine Art der Ruhigstellung. Welche echten Alternativen zur Fixierung gibt es?

    Der „Werdenfelser Weg“ etwa umfasst zahlreiche Maßnahmen, die Fixierungen überflüssig machen. Beispiele dafür sind: Niederflurbetten, Sensormatratzen, Stoppersocken, Matratzen vor das Bett legen (Sturzschutz), bauliche Maßnahmen (Garten mit Endlosschleifen-Weg anlegen) und viele andere Angebote, die den Patienten individuell entgegenkommen.

    Das kostet viel Geld. Wer soll die alternativen Methoden bezahlen?

    Hier sind die Krankenkassen gefordert. Es darf nicht sein, dass der Pflegebedürftige zum Beispiel die Mehrkosten für ein Niederflurbett selbst tragen muss. Die Vermeidung von Stürzen führt auch zu einer finanziellen Entlastung der Krankenkassen, da hierdurch Krankenhausaufenthalte vermieden werden.