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    Kein trojanisches Pferd

    „Orthodoxie und Menschenrechte“ lautete der Vortrag, den Bartholomaios I., Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, am Donnerstag bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin hielt. Der Patriarch sprach zwar über die besonderen Beziehungen der orthodoxen Kirchen zu den Menschenrechten im Besonderen und zur Moderne im Allgemeinen. Vieles, was er sagte, bezog sich jedoch allgemeiner auf das Verhältnis der christlichen Kirchen zu den Menschenrechten, die „zu Recht als eine der größten politischen Errungenschaften in der Geschichte unterwegs zu einer freieren, gerechteren und menschlicheren Welt betrachtet werden“.

    Sprach in Berlin: Bartholomaios I. Foto: KAS

    „Orthodoxie und Menschenrechte“ lautete der Vortrag, den Bartholomaios I., Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, am Donnerstag bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin hielt. Der Patriarch sprach zwar über die besonderen Beziehungen der orthodoxen Kirchen zu den Menschenrechten im Besonderen und zur Moderne im Allgemeinen. Vieles, was er sagte, bezog sich jedoch allgemeiner auf das Verhältnis der christlichen Kirchen zu den Menschenrechten, die „zu Recht als eine der größten politischen Errungenschaften in der Geschichte unterwegs zu einer freieren, gerechteren und menschlicheren Welt betrachtet werden“.

    Bartholomaios verschwieg denn auch nicht, dass die Menschenrechtsbewegung zunächst auf den Widerstand der christlichen Kirchen gestoßen sei. „Für Kirche und Theologie waren die Menschenrechte Ausdruck einer heillosen Selbstmächtigkeit des Menschen, ja ein Abfall vom Christentum.“ Erst nach den Katastrophen und der damit verbundenen Inhumanität des 20. Jahrhunderts hätten sich die westlichem Kirchen die humane Zielsetzung der Menschenrechte zu eigen gemacht. „Heute gehören die Menschenrechte zum Kern des kirchlichen Zeugnisses in der Welt.“ Dies gelte jedoch nicht uneingeschränkt für die Orthodoxie: „Die Haltung der 14 autokephalen Kirchen gegenüber den Menschenrechten ist nicht einheitlich. Leider gibt es in der orthodoxen Welt Institutionen und Personen, welche die modernen Menschenrechte als Gefahr für unsere orthodoxe Identität betrachten. Ihnen gelten die Menschenrechte pauschal als Fundamentalismus der Moderne.“ Das hänge mit negativen Erfahrungen zusammen, nicht mit orthodoxer Theologie: „Der Grundbegriff in der Begegnung zwischen der orthodoxen Anthropologie und den Menschenrechten ist der Begriff der Person. Das Personsein gibt dem Menschen die höchste Würde, die unveräußerlich ist. Nichts ist heiliger als die Person. Nichts kann die Verwandlung des Menschen zum bloßen Mittel rechtfertigen.“ In der letztes Jahr stattgefundenen Großen Synode der Orthodoxie sei zwar betont worden, dass das orthodoxe Ideal der Achtung der Menschenwürde den Horizont der etablierten Menschenrechte überschreite, weil das Größte von allem die Liebe sei. „Dies bedeutet aber keine Abwertung der Menschenrechte.“ Allerdings bedeute für das orthodoxe Christentum Personsein immer Sein in Gemeinschaft mit Anderen. Damit leiste die orthodoxe Theologie Widerstand gegen den Individualismus. „Die soziale Dimension der Freiheit in der Orthodoxie dispensiert uns jedoch nicht von der Aufgabe, die individuellen Rechte ernst zu nehmen. Eins ist der Schutz des Individuums, und etwas anderes ist die individualistische Verengung der Menschenrechte. Es ist eine falsche Einschätzung der Menschenrechte, sie im Wesentlichen als individualistisch anzusehen.“

    Bartholomaios wies darauf hin, dass die Menschenrechte zwar eine säkulare Errungenschaft der Moderne seien. „Die Wahrnehmung des absoluten Wertes des Menschen ist aber keine Entdeckung der Moderne. Das Engagement für den Respekt vor der Würde des Menschen ist nicht bloß ein humaner Anspruch. Es fließt aus der Mitte des christlichen Evangeliums der Liebe. Im Kontext des Christentums sind ethische Imperative Gebote Gottes, wodurch sie zusätzliches Gewicht bekommen.“ Außerdem sei die Moderne der geschichtliche Rahmen, in dem christliches Zeugnis gegeben werden müsse: „Wir können unsere christliche Identität von unserer Identität als moderne Menschen nicht trennen.“

    Die Auseinandersetzung zwischen Religion und Menschenrechten geschehe heute, so der Patriarch, eher in den nichtchristlichen Religionen. Bartholomaios I. nannte verschiedene Argumente für die Ablehnung der Menschenrechte durch nichtchristliche Religionen: Weil die Menschenrechte in Westeuropa und Nordamerika entstanden seien, würden sie als „an die Grundvoraussetzungen der westlichen politischen Kultur gebunden“ angesehen. Ihre behauptete universale Geltung sei für sie eine neue Form des westlichen Hegemoniestrebens. Auch wenn die Kirchen sie zunächst abgelehnt hätten, „tragen die Menschenrechte das Siegel des Christentums. Sie sind eine sublime Form christlicher Vision, das trojanische Pferd der christlichen Welt.“ In ihren Augen hätten die Menschenrechte in der ganzen Welt mehr Probleme verursacht, als gelöst. Darüber hinaus „vertreten die Menschenrechte einen Säkularismus und Anthropozentrismus, die mit der Theozentrik nichtwestlicher Kulturen unvereinbar sind“. In diesen Kulturkreisen werde betont, „dass die Menschenrechtsbewegungen Wegbereiter des Atheismus waren und noch sind“.

    Der Fundamentalismus der Moderne, der die Religionen als hinderlich für den Fortschritt ansieht, verschweige zwar ihren großen Beitrag zur Kultur. Weil aber die Menschenrechte die Welt menschlicher gemacht hätten, müssten die Religionen in den Menschenrechten auch eigene Werte entdecken und sie als Ausdruck ihres eigenen Zeugnisses in der Welt akzeptieren. „Die verschiedenen Kulturen und Völker sollen die Menschenrechte in den Zusammenhang ihrer humanen Traditionen integrieren, ohne dass dadurch ihre ursprüngliche Orientierung tangiert wird.“

    Die Hervorhebung der sozialen Menschenrechte und der Gemeinschaft dispensiere die Religionen nicht vom Respekt vor den individuellen Menschenrechten.

    So sei für die christlichen Kirchen die Spannung zwischen christlichem und modernem Freiheitsbegriff zwar unleugbar. Dies könne aber für einen fruchtbaren Dialog genutzt werden. „Deswegen halte ich den Begriff ,postchristliche Gesellschaft‘ für unangemessen, weil unsere Gegenwart eine christliche Dimension hat, eine Vergangenheit, die nicht einfach annulliert werden kann.“ Er bevorzuge den Ausdruck „postsäkulare Gesellschaft“, weil sich die Erwartung einer total säkularisierten Kultur als utopisch erwiesen habe. Zeugnis geben in der Welt bedeute nicht, sich mit der Welt und mit ihrer Kultur zu identifizieren. Der Einsatz der Kirche für die Menschenrechte dürfe nicht zur Säkularisierung der Kirche führen. „Unser Zeugnis in der Welt erinnert immer an die Grenzen der säkularen Freiheit auf der Basis des Lebens in Christus.“