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    Kehrt der Terror zurück?

    Die Lage in Nordirland ist gespannt. Nach dem Anschlag auf eine Kaserne in der Grafschaft Antrim, bei dem am Samstag zwei britische Soldaten getötet wurden, waren die Reaktionen zunächst verhalten. Niemand wollte wahrhaben, dass 12 Jahre nach dem einseitigen Waffenstillstand der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) die Gewalt in die nördlichen Provinzen der kleinen Insel zurückgekehrt ist. Großbritannien und Irland standen unter Schock.

    Die Lage in Nordirland ist gespannt. Nach dem Anschlag auf eine Kaserne in der Grafschaft Antrim, bei dem am Samstag zwei britische Soldaten getötet wurden, waren die Reaktionen zunächst verhalten. Niemand wollte wahrhaben, dass 12 Jahre nach dem einseitigen Waffenstillstand der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) die Gewalt in die nördlichen Provinzen der kleinen Insel zurückgekehrt ist. Großbritannien und Irland standen unter Schock.

    Nach dem zweiten Anschlag innerhalb weniger Tage auf einen Beamten der nordirischen Polizei PSNI in einem katholischen Viertel von Craigavor in Armagh in der Nähe von Belfast, ließ es sich nicht mehr leugnen. Der Friedensprozess in Nordirland, die Versöhnung von protestantischen Unionisten und katholischen Republikanern ist erneut in Gefahr. Zu der letzten Tat bekannte sich eine Splittergruppe der aufgelösten IRA, die „Continuity IRA“ oder „Fortwährende IRA“.

    Zu den Kasernen-Morden hatte sich zuvor eine Rivalin bekannt, die „Wahre IRA“. Dieselbe Gruppe hatte 1998 als Reaktion auf das Karfreitagsabkommen das Blutbad in Omagh mit 29 Toten angerichtet. Damals wie heute forderten sie ein Ende der „britischen Besetzung Irlands“.

    Ob die Anschläge von Samstag und Montag in direkter Verbindung miteinander stehen, oder ob es sich um unkoordinierte Attacken handelt, ist bislang unklar. Man fürchtet jedoch, dass die Terrorgruppen Zugang zu geheimen IRA-Waffenlagern und Finanzen haben könnten. Zwar hat die IRA ihre Depots offiziell zerstört, aber Waffen könnten zuvor abgezweigt worden sein. Auch die Unterstützung aus der irischen Bevölkerung spielt eine Rolle.

    Es seien „gefährliche Zeiten“, schrieb die irische Tageszeitung „The Irish Times“ am Montag. Die Wirtschaftskrise habe das öffentliche Vertrauen in eine bessere Zukunft erschüttert. Arbeitslosigkeit und ein Mangel an Perspektiven böten paramilitärischen Elementen auf beiden Seiten „einen fruchtbaren Rekrutierungsgrund“. Die Unabhängige Überwachungskommission für den Entwaffnungsprozess, IMC, habe seit langem vor einem Wiederaufflammen der Gewalt gewarnt, und viele Bürger drückten gegenüber solchen kriminellen Aktionen noch immer ein Auge zu.

    Auch die britische Tageszeitung „The Times“ vertrat die Ansicht, dass die Bevölkerung im Verlauf des Konflikts eine entscheidende Rolle spiele. Der Handlungsspielraum der Behörden habe seine Grenzen, solange Terroristen von Zivilgemeinden gedeckt würden. „Nur diese Gemeinden können sicherstellen, dass die Mörder der Kaserne von Massareene zur Rechenschaft gezogen werden.“ Politiker aller Couleur hätten betont, dass sich Nordirland seit 1997 unwiderruflich verändert habe. Jetzt sei es an der Bevölkerung der Provinz, es zu beweisen.

    Man bezweifelt zwar selbst in Irland, dass die Splittergruppen über ausreichend Personal, Waffen und Organisation verfügen, um eine systematische und koordinierte Gewaltkampagne durchzuführen. Aber die Dissidenten könnten weitere Morde begehen und vor allem die loyalistischen Paramilitaristen provozieren und den Sektenkrieg wieder aufkeimen lassen.

    Die Dissidenten, so die „Irish Times“ wollten die britischen Truppen wieder zurück auf die Straßen holen. Sie hofften auf eine Überreaktion der PSNI oder der britischen Armee, um einen „nationalistischen Stimmungsumschwung“ zu erreichen. Sollte das geschehen, könnte die Gewalt leicht eskalieren. Politiker auf allen Seiten versichern derweil, man werde am Friedensprozess festhalten und sich die gemeinsame Regierung („power sharing“) von Republikanern und Unionisten in Nordirland nicht kaputtmachen lassen.

    Besonderes Augenmerk richtete sich auf den Sinn Fein-Präsidenten Gerry Adams, der am Montag ebenfalls sein Bedauern über die Morde sowie sein Beileid für die Familien der Opfer ausdrückte. Es gebe „kein Zurück“ im Friedensprozess, so Adams. Seine Worte waren besonders wichtig, kommentierte die „Irish Times“ am Dienstag, weil die Basis der Unionisten noch immer großes Misstrauen gegen den ehemaligen IRA-Mann hege.

    In den irischen Medien hatte es zunächst einige Verunsicherung gegenüber Adams gegeben, der zunächst nur kühl und sachlich auf die Ereignisse vom Wochenende reagiert hatte. Sein langjähriger Weggefährte Martin McGuinness, der inzwischen stellvertretender Regierungschef in Nordirland ist, hatte die Anschläge sofort entschieden verurteilt.

    Auch im republikanischen Süden der Insel distanzierte man sich deutlich von den Terroristen. „Diese Leute haben keine Unterstützung. Sie werden keinen Erfolg haben. Ihre Taten sind vergebens“, wurde der irische Premierminister Brian Cowen in der Tageszeitung „Irish Examiner“ zitiert. Man werde alles tun, um die Verantwortlichen für „die schreckliche Gewalttat“ so schnell wie möglich zur Rechenschaft zu ziehen.

    Der britische Premier Gordon Brown, der zu Krisengesprächen nach Belfast flog, versicherte, die „kaltblütigen Morde“ würden den Friedensprozess nicht ins Schleudern bringen. Auch der nordirische Regierungschef Peter Robinson sagte, man werde nicht hinnehmen, dass Nordirland durch solche Taten in die Vergangenheit zurückfalle.

    Die Irische Bischofskonferenz hatte sich bereits nach dem Anschlag auf die Kaserne zu Wort gemeldet und die Gewalttat scharf verurteilt. Die Bischöfe beteten für die Familien der Opfer, heißt es in einer am Montag veröffentlichten Stellungnahme. Die Tat sei eine „abscheuliche Attacke“ auf „die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens“ und auf den „politischen Weg“ aus der Krise in Nordirland, so die Bischöfe. Die Bürger Irlands müssten ihre Bemühungen um eine „friedliche Gesellschaft noch verdoppeln“. Außerdem riefen sie die Bevölkerung auf, der Polizei Informationen zu geben, die zur Ergreifung der Täter führen könnten.

    Von Gaby Mahlberg