• aktualisiert:

    Katholischer „Think Tank“

    Im Kaiserreich und zu Weimarer Zeit kannte ihn zumindest in katholischen Gegenden jedes Kind: den Volksverein für das Katholische Deutschland, eine Organisation neuen Typus, die eine Vielzahl an Funktionen miteinander verband. Der Volksverein, er war Bildungsstätte, „Think Tank“ für sozial- und gesellschaftspolitische Fragen und kraftvolle Stimme der (katholischen) Arbeitnehmerschaft in einem. Von der Zentrale im niederrheinischen Mönchengladbach aus betreute er zu seinen besten Zeiten reichsweit mehr als 800 000 Mitglieder. Dagegen dürfte die Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle (KSZ) als wissenschaftliche Einrichtung nur Insidern der katholischen Sozialethik ein Begriff sein. Dennoch beruft sich die Einrichtung auf die Tradition des Volksvereins, gilt nicht wenigen sogar als Nachfolgerin der berühmten Massenorganisation. Dafür gibt es vor allem einen Grund: Beide, Volksverein und KSZ, verbindet ein gemeinsames Ziel, der Anspruch nämlich, einen aktuellen Beitrag zur Gestaltung des gesellschaftlichen Miteinanders aus der Perspektive des Evangeliums zu leisten. Vor 50 Jahren wurde die KSZ auf Beschluss der deutschen Bischofskonferenz und in engem Zusammenwirken mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken in Mönchengladbach gegründet.

    Kardinal Marx würdigte die KSZ. Foto: dpa

    Im Kaiserreich und zu Weimarer Zeit kannte ihn zumindest in katholischen Gegenden jedes Kind: den Volksverein für das Katholische Deutschland, eine Organisation neuen Typus, die eine Vielzahl an Funktionen miteinander verband. Der Volksverein, er war Bildungsstätte, „Think Tank“ für sozial- und gesellschaftspolitische Fragen und kraftvolle Stimme der (katholischen) Arbeitnehmerschaft in einem. Von der Zentrale im niederrheinischen Mönchengladbach aus betreute er zu seinen besten Zeiten reichsweit mehr als 800 000 Mitglieder. Dagegen dürfte die Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle (KSZ) als wissenschaftliche Einrichtung nur Insidern der katholischen Sozialethik ein Begriff sein. Dennoch beruft sich die Einrichtung auf die Tradition des Volksvereins, gilt nicht wenigen sogar als Nachfolgerin der berühmten Massenorganisation. Dafür gibt es vor allem einen Grund: Beide, Volksverein und KSZ, verbindet ein gemeinsames Ziel, der Anspruch nämlich, einen aktuellen Beitrag zur Gestaltung des gesellschaftlichen Miteinanders aus der Perspektive des Evangeliums zu leisten. Vor 50 Jahren wurde die KSZ auf Beschluss der deutschen Bischofskonferenz und in engem Zusammenwirken mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken in Mönchengladbach gegründet.

    Ein Ereignis, an das am Samstag mit einem Pontifikalamt in der ehrwürdigen Mönchengladbacher Münsterbasilika und einem Festakt erinnert wurde. Dabei ging es um weit mehr als um einen Rückblick auf 50 Jahre KSZ, obwohl sich allein das gelohnt hätte. Denn manche Stürme mussten überstanden werden.

    Schon die Gründung 1963 wurde nicht in allen Bistümern und Gremien goutiert, manche sahen die Beschäftigung mit gesellschaftspolitischen Fragen und der katholischen Soziallehre eher dezentral, in den Diözesen und an den Universitäten verortet. Doch ein Brief Bundeskanzlers Adenauer an den damaligen Leiter des ZDK-Sozialreferates, Joseph Höffner, machte den Weg frei. Darin schrieb der „Alte“: „Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie in Ihrer Eigenschaft als Direktor des Sozialreferates im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, dem die neue Einrichtung angegliedert werden soll, dazu mithelfen könnten, dass diese Angelegenheit so genutzt wird, wie es das große Erbe des Volksvereins nahe legt. Die Errichtung einer derartigen Stelle würde eine wesentliche Förderung unserer gesamten politischen Arbeit darstellen.“

    Adenauer hatte als Zentrumsmann und Kommunalpolitiker die segensreiche Arbeit des Volksvereins vor dem Krieg kennengelernt. Wohl auch ihm dürfte klar gewesen sein, dass der alte Glanz kaum wieder herstellbar war, doch der innovative Ansatz, aktuelle sozialpolitische Herausforderungen an der katholischen Soziallehre zu spiegeln, sie als Richtschnur für politische Entscheidungen heranzuziehen, sollte weiterleben.

    Stürmisch kam auch das Jahr 1968 daher, das nur wenige Jahre nach Gründung der KSZ nicht nur die bestehende Gesellschaftsordnung infrage stellte, sondern auch die Kirche in die Mangel nahm – mit der Folge, dass Religion immer mehr zur Privatsache erklärt wurde. Reinhard Kardinal Marx erinnerte in seiner Predigt im Gladbacher Münster am Samstag an genau diese Zeit, in der der Kirche und ihren institutionellen Verankerungen wie der KSZ der Wind eisig ins Gesicht blies, der zentrale kirchliche Auftrag, Gesellschaft zu gestalten, ins Hintertreffen zu geraten drohte.

    Es war die Zeit, in der an der KSZ auch die Überlegungen für die Herausgabe einer neuen Schriftenreihe reiften. Nicht wissenschaftlich abgehoben sollte sie sein, sondern gut verständlich für alle interessierten Laien. Und auch die Themen sollten nicht Spezialaspekte der Sozialwissenschaft behandeln, sondern aktuelle gesellschaftspolitische Fragen erörtern. So wurde die Idee für die bis heute laufende, viel beachtete „Grüne Reihe“ geboren. 1973 erschien sie zum ersten Mal mit einem Titel, der damals brandaktuell war – und bis heute nichts an Relevanz verloren hat: „Soll die Kirche aus der Gesellschaft verbannt werden?“

    Womit wir wieder mitten in der Gegenwart wären. Zu ihrem runden Geburtstag konnte sich die KSZ über viele prominente Gratulanten freuen. Neben dem Hauptzelebranten und Festredner Kardinal Marx waren dies Bischof Mussinghoff aus Aachen, der Heimatdiözese der KSZ, Adrianus van Luyn SDB, Bischof emeritus von Rotterdam, der langjährige Direktor der KSZ, Pater Anton Rauscher SJ, der Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, Gerhard Wegner, sowie die stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann (Bündnis 90 / Die Grünen), die zugleich auch Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ist. Sie alle würdigten die KSZ als unverzichtbaren Impulsgeber und Ideenlieferant, als Mahnerin, nicht die grundlegenden Maßstäbe zu vergessen, an denen sich eine humane Gesellschaft ausrichten sollte: Freiheit, die Würde des einzelnen Menschen und Solidarität.

    Zudem sei die KSZ, so Kardinal Marx, auch „Kristallisationspunkt für ein neues Kirchenverständnis“ im Sinne des Konzils gewesen. Einer Kirche, die im Verhältnis zur Gesellschaft nicht bloß Vorschriften macht, sondern die Welt in ihrer Komplexität verstehen will, sich im aristotelischen Sinn als „hörende“ und damit als „lernende Organisation begreift“. In Mönchengladbach werde vorgemacht, wie dies gelingen kann. Dazu gehöre ganz zentral, die Lebenswirklichkeit zunächst genau zu betrachten, um sie zu verstehen. Erst dann erfolgt die Einordnung der gesammelten Erkenntnisse im Licht des Evangeliums. Wer sich selbst als Lernender begreife, so Marx, könne die heutige, freie Gesellschaft als Fortschritt anerkennen, der viele neue Chancen und Perspektiven eröffne.

    Und: Die sozialen Fragen träfen den Kern christlichen Lebens. Am Umgang mit ihnen entscheide sich zu einem guten Stück, ob wir es als Christen ernst meinen mit unserem Glauben. Dazu bedarf es mitunter grundlegender Erneuerungen. Rückgriffe auf Bewährtes reichten oft nicht, so Marx. Die großen christlichen Sozialreformer wie Bischof Ketteler oder Ludwig Windthorst hätten dies früher als andere erkannt – und galten darum vielen als Paradiesvögel unter dem Dach der Kirche. Doch der Erfolg gab ihnen Recht.

    Die heutige Welt ein Stück weit mitzugestalten – diesen Anspruch verfolgt die KSZ unverändert auch unter ihrem aktuellen Direktor, Prof. Peter Schallenberg. Dabei bleiben zeitpolitische Fragen im Vordergrund, die durchleuchtet und vor dem Hintergrund der katholischen Soziallehre eingeordnet und bewertet werden. Die aktuelle Ausgabe der Grünen Reihe etwa befasst sich mit dem Thema Unternehmensethik aus christlich-sozialethischer Sicht – eine in der Marktwirtschaft immer schon brisante, vor dem Hintergrund der Finanzkrise aber besonders brennende Frage.

    Überdies gibt es viele neue Herausforderungen: Auf dem Gebiet der Wissenschaft ist es die Vernetzung mit benachbarten Fächern (sie ist auch Thema der Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum der KSZ. Titel: „Interdisziplinarität der Christlichen Sozialethik“, herausgegeben von Peter Schallenberg und Arnd Küppers, Paderborn 2013), innerkirchlich ist es das Werben für die Erkenntnis, dass erfolgreiche Verkündigung (Evangelisierung) kaum möglich ist, wenn die Welt von uns Christen „nicht bewegt, nicht mitgestaltet wird“ (Anton Rauscher). Auf gesellschaftlicher Ebene sind es die Auseinandersetzungen mit einer beschleunigten Globalisierung, der Rolle Europas in diesem Prozess und einem entfesselten Kapitalismus, der „alle anderen gesellschaftlichen Kräfte und Interessen bedroht“ (Reinhard Marx). Jede Menge Arbeit also.