• aktualisiert:

    Katholiken zeigen öffentlich Flagge

    Frau von Beverfoerde, wie erklären Sie sich, dass die Unterschriftensammlung in Deutschland anfänglich deutlich schleppender verlief, als in vielen anderen EU-Mitgliedsländern? Die Verzögerung hatte organisatorische, technische und finanzielle Gründe.

    Hedwig von Beverfoerde
    Hedwig von Beverfoerde ist Koordinatorin des Europäischen Bürgerrechtsbegehrens „Einer von uns“ für Deutschland. Foto: Privat

    Frau von Beverfoerde, wie erklären Sie sich, dass die Unterschriftensammlung in Deutschland anfänglich deutlich schleppender verlief, als in vielen anderen EU-Mitgliedsländern?

    Die Verzögerung hatte organisatorische, technische und finanzielle Gründe. Es musste eine Verantwortliche samt passendem Organisationsteam mit ausreichender Büro-Infrastruktur gefunden und engagiert werden. Eine solche Aktion erfordert ja einiges, angefangen von professioneller Pressearbeit bis hin zu einer einwandfreien Logistik, wenn es um die Bearbeitung und das Versenden von Unterschriftenlisten und Infomaterial geht. Das Ganze möglichst zum Nulltarif, da es keine breite Finanzierung der deutschen „Einer von uns“-Kampagne gab – und bis heute nicht gibt. Die Kampagne wird in Deutschland fast ausschließlich von der Stiftung Ja zum Leben finanziert. Zuletzt hatten wir Probleme mit der Webseite, was uns zeitlich zurückgeworfen hat. Aber das ist ja zum Glück alles Schnee von gestern! Es läuft jetzt großartig.

    Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) hatte es abgelehnt, als solche die Katholiken in Deutschland zur Unterstützung Ihres Anliegens aufzurufen. Zur Begründung hieß es, man unterstütze grundsätzlich keine Unterschriftenaktionen. DBK-Sprecher Matthias Kopp erklärte jedoch, das Anliegen verdiene „Unterstützung“. Der Ständige Rat der DBK habe daher beschlossen, dass jeder Bischof selbst entscheide, wie er in seinem Bistum mit der Aktion umgehe. Sie hat das befremdet. Warum?

    Zunächst ist es eine pure Selbstverständlichkeit, dass jeder Bischof in seinem Bistum selbst entscheidet. Das ist kirchenrechtliches Einmaleins. Dazu braucht es keine DBK-Beschlüsse. Wenn man davon also absieht, bleibt der Beschluss, dass das Kollektivorgan der deutschen Bischöfe die Unterstützung dieses Europäischen Bürgerbegehrens wie eine x-beliebige Unterschriftenaktion abgelehnt hat. Aber genau das ist es nicht. Es handelt sich hier um ein offizielles Instrument der EU zur besseren Beteiligung der Bürger an der EU-Politik. Wenn die Deutsche Bischofskonferenz solche Möglichkeiten nicht aktiv unterstützt, macht sie sich auch in der Sache, dem Anliegen des Lebensschutzes, unglaubwürdig. Besonders befremdlich war diese DBK-Ablehnung jedoch angesichts der allseits bekannten Tatsache, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus, erst wenige Wochen zuvor öffentlich dazu aufgerufen hatte, „Einer von uns“ mit Unterschriftenaktionen in den Pfarreien zu unterstützen.

    Unter medialen Gesichtspunkten wäre es sicher ein nur schwer überbietbares Zeichen gewesen, wenn sich alle deutschen Bischöfen geschlossen mit dem Europäischen Bürgerbegehren solidarisiert und Deutschlands Katholiken zur Unterstützung aufgerufen hätten. Andererseits verläuft die Unterschriftensammlung ja derzeit erfolgreich. Müssen Sie am Ende nicht sogar dankbar dafür sein, dass der eine institutionelle Aufruf nun durch zahlreiche persönlicher gehaltene ersetzt wurde?

    Dankbar – das nun gerade nicht. Die katholische Kirche in Deutschland hat eine Infrastruktur, von der der Rest der Welt nur träumen kann. Wenn dieser Apparat systematisch für „Einer von uns“ hätte eingesetzt werden können, hätten wir den Spitzenreiter Italien mit seinen fast 330 000 Unterschriften locker erreichen können. Aber Sie haben recht, der mühsamere Weg hat durchaus auch seine Vorzüge. Viele Bischöfe sind durch hartnäckiges Nachfragen und Bitten ihrer Gläubigen aufgerüttelt worden und haben sich dann teilweise umso intensiver des Anliegens angenommen. Und auch bei vielen Gläubigen an der Basis, die mit beeindruckendem Engagement Tausende von Unterschriften sammeln, ist das Bewusstsein gewachsen, dass sie ganz persönlich es sind, auf deren Schultern diese einmalige europaweite Initiative ruht und zum Erfolg geführt werden kann. Jeder musste sich viel intensiver mit dem Anliegen, den menschlichen Embryo konsequent zu schützen, auseinandersetzen. Das stärkt.

    Die EKD unter „Einer von uns“ nicht. Dessen ungeachtet scheint es auch vielen Protestanten am Herzen zu liegen. Welche Erfahrungen haben Sie als Koordinatorin der Unterschriftensammlung machen können?

    Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Protestanten verschiedener Bekenntnisse gemacht. Von lutherischen Gemeinden über die Evangelische Allianz, Freikirchen, Baptisten, Pfingstgemeinden bis zur Heilsarmee engagieren sich zahlreiche evangelische Christen für „Einer von uns“. Insgesamt schätze ich den Anteil der deutschen Unterschriften von Seiten der Protestanten bislang auf etwa ein Drittel. Damit ist das Bürgerbegehren „Einer von uns“ eine der größten ökumenischen Aktionen in Deutschland und Europa.

    Angenommen – und danach sieht es wohl aus – „Einer von uns“ gelingt es, nicht „bloß“ europaweit eine Million Unterschriften zu sammeln, sondern auch in sieben EU-Ländern das erforderliche Quorum zu übertreffen, dann wird sich die EU-Kommission mit Ihrem Anliegen befassen müssen. Für wie realistisch halten Sie es, dass am Ende ein Verbot der Förderung Embryonen verbrauchender Forschung und ein Stopp der Förderung vorgeburtlicher Kindstötungen in Entwicklungsländern stehen wird?

    Es gibt bis jetzt noch keinerlei Erfahrung, wie die EU-Kommission auf ein Europäisches Bürgerbegehren reagiert. „Einer von uns“ ist eine der allerersten Initiativen überhaupt. Dieses EU-Instrument zur besseren demokratischen Bürgerbeteiligung existiert ja erst seit anderthalb Jahren. Ich gehe aber davon aus, dass gerade deshalb die Kommission sich nicht erlauben wird, ein erfolgreiches Bürgerbegehren zu verschleppen oder gar zu ignorieren. Meine Erwartung ist deshalb, dass wir mit vereinten Kräften den Stopp der Fördergelder für verbrauchende Embryonenforschung tatsächlich schaffen und Licht ins Dunkel illegaler Abtreibungsförderung bringen. Je mehr Unterschriften wir über die geforderte Million hinaus schaffen bis zum 1. November, desto gewichtiger stellt sich das Anliegen natürlich dar.

    Am 21. September findet in Berlin der „Marsch für das Leben“ statt. Müsste die katholische Kirche diesen Tag nicht auch stärker bewerben und ihre Gläubigen aufrufen, ein Zeichen für den Schutz ungeborener Menschen zu setzen?

    Unbedingt. Der großartige Zuspruch so vieler Katholiken zum Bürgerbegehren „Einer von uns“ zeigt, dass das Unbehagen, welches manch hohen Vertreter der deutschen Amtskirche beim Thema Lebensschutz gewohnheitsmäßig befällt, völlig unbegründet ist. Im Gegenteil. Der „Marsch für das Leben“ wächst von Jahr zu Jahr eindrucksvoll. Die kirchentreuen Christen von heute wissen, dass sie sich vom Zeitgeist unterscheiden. Sie sind bereit, öffentlich Flagge zu zeigen für ihre Überzeugungen. Sie warten nur darauf, dass das Eis bricht und ihre Hirten und Oberhirten sich ohne Berührungsängste zu ihnen gesellen.