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    Kalter Krieg und heiße Krieger

    Der „Kalte Krieg“ endete vor zwei Jahrzehnten. Irgendwann im Sommer 1989 war die Entwicklung unumkehrbar geworden, wurde spürbar und riechbar, dass der Ostblock bereits gefault war, dass die Sowjetunion nicht nur Glanz und Gloria, sondern auch die Kontrolle verloren hatte. Trotz unbestrittener Verdienste einzelner Größen waren es im Wesentlichen nicht die Weisheit der Regierenden und nicht die Weitsicht des Westens, die hier Geschichte schrieben, sondern der Freiheitswille der Völker Mitteleuropas. Eine Revolution der Wahrhaftigkeit und der Tapferkeit stürzte die Diktaturen der Lüge, der Angst, der Gewalt. Immer hatte es in den Völkern einzelne Helden und Heilige gegeben, die vor den roten Tyrannen nicht kuschten, sondern heroisch zum Opfer ihrer Freiheit und ihres Lebens bereit waren. Doch erst als ihr Funke die Massen entzündete, da brannte der Ostblock lichterloh.

    Der „Kalte Krieg“ endete vor zwei Jahrzehnten. Irgendwann im Sommer 1989 war die Entwicklung unumkehrbar geworden, wurde spürbar und riechbar, dass der Ostblock bereits gefault war, dass die Sowjetunion nicht nur Glanz und Gloria, sondern auch die Kontrolle verloren hatte. Trotz unbestrittener Verdienste einzelner Größen waren es im Wesentlichen nicht die Weisheit der Regierenden und nicht die Weitsicht des Westens, die hier Geschichte schrieben, sondern der Freiheitswille der Völker Mitteleuropas. Eine Revolution der Wahrhaftigkeit und der Tapferkeit stürzte die Diktaturen der Lüge, der Angst, der Gewalt. Immer hatte es in den Völkern einzelne Helden und Heilige gegeben, die vor den roten Tyrannen nicht kuschten, sondern heroisch zum Opfer ihrer Freiheit und ihres Lebens bereit waren. Doch erst als ihr Funke die Massen entzündete, da brannte der Ostblock lichterloh.

    Manche naive Gemüter meinten damals, auf das Elend des Kommunismus werde das Paradies des Kapitalismus folgen, auf das Unrecht der Diktatur die Gerechtigkeit der Demokratie, auf die ständige und atomare Kriegsgefahr der große Friede, auf die mit Selbstschussanlagen gesicherten Grenzen die grenzenlose Freiheit. Ganz besonders naive Gemüter sprachen vom „Ende der Geschichte“, so als habe eine zielgerichtete Historie ihre finale Vollendung erreicht. Die zwei Jahrzehnte seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer haben uns rasch gelehrt: Das „Reich des Bösen“ ist gefallen, doch die vielen kleinen Bosheiten sind geblieben. Die „Diktatur der Lüge“ ist zerbrochen, doch die Neigung zur Verlogenheit wohnt dem gefallenen Menschen inne. Der Kalte Krieg ist vorüber, doch mancher heißer Krieger wirkt weiter unter uns. Das Wendejahr 1989 eröffnete Chancen und viele davon wurden genutzt, doch schuf es keine paradiesischen Zustände. Es war weder Ende noch Neustart der Geschichte.

    Das Gift, das Jahrzehnte kommunistischer Diktatur in die Gesellschaften einträufeln ließen, blieb nicht ohne Wirkung. Die Neigung zur Korruption, zur persönlichen Verantwortungslosigkeit, zum Missbrauch des Staates und seiner Strukturen, das gebrochene Verhältnis zu Recht und Ethos mögen sich seit dem Sündenfall durch die Geschichte der Menschheit ziehen. Der Kommunismus mit seiner nahezu perfekten Perversion aller Werte und Tugenden – seiner einzigen Perfektion – gab hierzu stetige Inspiration. Gleichzeitig löste er kein bereits ererbtes Problem, sondern begrub es bestenfalls unter der schweren Betondecke des Totalitarismus. Die Aversionen zwischen Völkern und Volksgruppen, die nationalen Ressentiments wurden durch die von oben verordnete „Brüderlichkeit“ weder aufgelöst noch abgebaut. Ganz anders wirkte die europäische Aussöhnung und Einigung im Westen: Tatsächliche oder eingebildete Erbfeindschaften – etwa zwischen Deutschen und Franzosen, zwischen Italienern und Österreichern – verflüchtigten sich hier tatsächlich. Schul- und Städtepartnerschaften, Reisen und Sprachenlernen, regionale Kooperation und europäische Politik haben in Westeuropa tatsächlich dazu geführt, dass nationalistische Aggressionen schwanden und Ressentiments nicht mehr griffen.

    Umso ratloser und erstaunter war der Westen, als Jugoslawien – vielen Westeuropäern als billiges Urlaubsparadies bekannt – vor 20 Jahren in einem Meer aus Blut und Tränen versank. Jahrzehnte der Diktatur hatten aus Serben, Kroaten, Slowenen, Bosniern, Makedonen, Montenegrinern und Albanern keine „Jugoslawen“ gemacht, hatten Aversionen nicht abgebaut, sondern radikalisiert. Ratlos und verwundert nimmt man in Westeuropa bis heute die vielen Regungen des Nationalismus in Mittel- und Osteuropa zur Kenntnis.

    So etwa am vergangenen Wochenende die Eskalation des Streits zwischen den EU-Mitgliedstaaten Ungarn und Slowakei: Da wurde Ungarns Staatspräsident Sólyom die Einreise in die Slowakei – vom ungarischen Komárom über die Donaubrücke ins slowakische Komárno – zur Einweihung eines Standbilds des heiligen Königs Stephan verweigert. Kein singulärer Zwischenfall, sondern vorläufiger Höhepunkt im Streit um die Rechte der großen ungarischen Minderheit in der Slowakei. Wie meist bei nationalen Konflikten haben beide Seiten ihre Argumente: Die Ungarn wittern einen Verstoß gegen europäisches Recht, weil die Reisefreiheit innerhalb der EU zu den Grundfreiheiten jedes Unionsbürgers – also auch des ungarischen Präsidenten – zählt. Die Slowaken grollen den Veranstaltern der Denkmals-Einweihung, weil sie den ungarischen, nicht aber den slowakischen Präsidenten einluden, aber auch Präsident Sólyom, weil er zwar die ungarische Minderheit in der Slowakei besucht, nicht aber die Spitze des slowakischen Staates.

    Dreierlei können die Europäer aus diesem ebenso lächerlichen wie ärgerlichen Zwischenfall an der ungarisch-slowakischen Grenze lernen: Erstens, dass der Kommunismus kein Problem gelöst, sondern allenfalls zugedeckt hat. Deshalb ist auch kein aktuelles Problem der Völker Europas durch eine rote Renaissance zu lösen. Zweitens, dass es von Estland bis Griechenland zahlreiche nationale und zwischenstaatliche Fragen, Minderheiten-Situationen und Konfliktherde gibt, die eine Erbschaft des 19. und des 20. Jahrhunderts sind, und die dringend einer Lösung bedürfen. Drittens, dass die Einigung Europas die historisch einmalige Chance bietet, solche Fragen am Verhandlungstisch statt auf dem Schlachtfeld auszutragen. Und das ist wirklich ein Fortschritt!

    Von Stephan Baier