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    Juncker geht, die Fragen bleiben

    Im Juli ließ er sich noch einmal überreden, einige Monate weiterzumachen. Ein letztes Mal, wie es scheint, denn am Montagabend gab Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker am Rande einer Sitzung bekannt, dass er nun endgültig die Verantwortung für die Führung der Euro-Gruppe niederlegt. Wenige Tage vor seinem 58. Geburtstag machte der dienstälteste Regierungschef in Europa klar, dass er seinen koordinierenden und moderierenden Job als Sprecher der Euro-Gruppe nur mehr bis Jahresende ausübt. Acht Jahre hatte er ihn ausgefüllt, von Europas Granden immer wieder zum Weitermachen gedrängt.

    Seit langem eine Autorität in der Runde der Granden Europas: Luxemburgs Langzeit-Premier und Euro-Gruppen-Chef Jean-Clau... Foto: dpa

    Im Juli ließ er sich noch einmal überreden, einige Monate weiterzumachen. Ein letztes Mal, wie es scheint, denn am Montagabend gab Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker am Rande einer Sitzung bekannt, dass er nun endgültig die Verantwortung für die Führung der Euro-Gruppe niederlegt. Wenige Tage vor seinem 58. Geburtstag machte der dienstälteste Regierungschef in Europa klar, dass er seinen koordinierenden und moderierenden Job als Sprecher der Euro-Gruppe nur mehr bis Jahresende ausübt. Acht Jahre hatte er ihn ausgefüllt, von Europas Granden immer wieder zum Weitermachen gedrängt.

    Im Sommer hatte er sich zu einem verkürzten Mandat überreden lassen, nachdem sich Berlin und Paris nicht auf einen Kandidaten verständigen konnten. Weiterhin gilt der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble als Favorit, doch würden sich viele Euro-Länder mit einem deutschen Zuchtmeister besonders schwer tun. Luxemburgs Premier, der diese Rolle nicht als Regierungschef, sondern als Schatzminister des Großherzogtums ausübte, hatte mehrere Vorteile: Als längstdienender Finanzminister und Ministerpräsident in der EU verfügt er über einen immensen Erfahrungsschatz, als linker und betont sozialer Christdemokrat über eine intakte Gesprächsbasis mit Sozialisten wie Konservativen. Im Gegensatz zu Schäuble repräsentiert er ein kleines Land, das zwar wirtschaftlich solide und finanziell erfolgreich ist, aber nicht im Verdacht steht, andere Staaten oder gar die Währungsunion als Ganze dominieren zu wollen. „Am Luxemburger Wesen soll die Welt genesen“, wäre eben nicht böse Polemik oder schreckliche Drohung, sondern allenfalls witzig. Mahnende Worte aus Luxemburg, wie sie Juncker häufig auf Deutsch, Französisch oder Englisch an seine Kollegen richtete, klingen allemal gemeinschaftsverträglicher als Warnschüsse aus Berlin.

    Am Dienstag warf nun ein Konkurrent Schäubles elegant seinen Hut in den Ring: Der machtbewusste Finanzminister Frankreichs, Pierre Moscovici, ein Linksaußen unter Frankreichs Sozialisten, kleidete seine eigene Bewerbung in ein Lob für Juncker: „Man braucht eine Vision, Führungskraft und die Fähigkeit, einen Konsens zu finden.“ Von den Spekulationen, er könne einer der Nachfolgekandidaten sein, sei er „überrascht“, aber auch „geschmeichelt“.

    Am 10. September 2004 war Juncker zum Sprecher der Finanzminister jener EU-Mitgliedstaaten gewählt worden, die den Euro als Währung eingeführt haben. Die Finanzminister dieser mittlerweile 17 Staaten dominieren – im Verbund mit dem Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, und EU-Währungskommissar Olli Rehn – logischerweise den „ECOFIN“, den Rat der Finanz- und Wirtschaftsminister der 27 EU-Staaten. Unter Junckers Vorsitz und Vermittlung werden die währungs- und teilweise die wirtschaftspolitischen Weichen in Europa gestellt. Wenn es um Rettungspakete für Griechenland oder spanische Banken geht, kommt keiner an dem kontaktfreudigen Luxemburger vorbei.

    Deshalb und wegen seines Verhandlungsgeschicks in mehreren Sprachen wurde Jean-Claude Juncker bald „Mister Euro“ genannt und für die Spitzenpositionen in der EU gehandelt. Als die Staats- und Regierungschefs die Nachfolge des EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi diskutierten, galt Juncker als bester Kompromisskandidat und zugleich als Wunschkandidat der meisten. Erst als er absagte, um Regierungschef Luxemburgs zu bleiben, war der Weg für den Portugiesen José Manuel Barroso frei. Als die Staats- und Regierungschefs darüber brüteten, wer wohl das vom Lissaboner EU-Vertrag neu geschaffene Amt eines dauerhaften EU-Ratspräsidenten als erster übernehmen und souverän ausfüllen könne, galt Juncker als Favorit. Es wurde aber letztlich der Belgier Herman van Rompuy.

    Gleichwohl ist Juncker nicht frei von Ehrgeiz: 1954 als Sohn eines Hüttenwerksaufsehers geboren, studierte er nach der Schulzeit in Belgien und Luxemburg Rechtswissenschaften in Straßburg. Mit 30 Jahren war er Minister für Arbeit und Haushalt in Luxemburg. 1989 wurde er Arbeits- und Finanzminister sowie Gouverneur Luxemburgs bei der Weltbank. Als Ministerpräsident Jacques Santer 1995 zum Präsidenten der EU-Kommission avancierte, um wenig später spektakulär zu scheitern, wurde Juncker Ministerpräsident, was er auch weiter bleiben will. Zweimal (1997 und 2005) präsidierte Luxemburg unter Juncker im Rat der Europäischen Union. 2006 erhielt Jean-Claude Juncker die wohl prominenteste Auszeichnung für Verdienste um Europa, den Karlspreis der Stadt Aachen.

    Wer wird das Rennen um die Juncker-Nachfolge machen: der strenge konservative Deutsche oder der eitle sozialistische Franzose? Wenn sich zwei Große streiten, freut sich nicht selten ein Kleiner. Er kam bisher aus Luxemburg, könnte aber bald aus den Niederlanden (Mark Rutte) oder aus Finnland (Jyrki Katainen) stammen.