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    Jos, eine Stadt in Angst

    Im bevölkerungsreichsten Land Afrikas herrscht das ungeschriebene Gesetz, dass die Macht im Land zwischen Christen und Muslimen geteilt wird. Das entspricht der religiösen und geografischen Aufteilung Nigerias. Im Norden leben überwiegend Muslime, im Süden Christen und Animisten. Durch den Tod von Umaru Yar'Adua, einem Muslim, ist mit Goodluck Jonathan am 6. Mai 2010 ein Christ an die Macht gelangt. Im Vorfeld der für April anstehenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Nigeria berichtet das überkonfessionelle christliche Hilfswerk „Open Doors“ von einer angespannten Lage im Bundesstaat Plateau. In dessen Hauptstadt Jos herrsche ein Klima der Angst vor neuen Anschlägen. In Teilen der Stadt mit 900 000 Einwohnern sei das Geschäftsleben zum Erliegen gekommen. Die Stadt Jos liegt in Zentralnigeria im Bundesstaat Plateau, an der Nahtstelle zwischen dem christlichen geprägten Süden des Landes und dem mehrheitlich muslimischen Norden.

    Immer wieder muss das Militär in Nigerias Bundesstaat Plateau einschreiten, um weiteres Blutvergießen zu verhindern.Foto...

    Im bevölkerungsreichsten Land Afrikas herrscht das ungeschriebene Gesetz, dass die Macht im Land zwischen Christen und Muslimen geteilt wird. Das entspricht der religiösen und geografischen Aufteilung Nigerias. Im Norden leben überwiegend Muslime, im Süden Christen und Animisten. Durch den Tod von Umaru Yar'Adua, einem Muslim, ist mit Goodluck Jonathan am 6. Mai 2010 ein Christ an die Macht gelangt. Im Vorfeld der für April anstehenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Nigeria berichtet das überkonfessionelle christliche Hilfswerk „Open Doors“ von einer angespannten Lage im Bundesstaat Plateau. In dessen Hauptstadt Jos herrsche ein Klima der Angst vor neuen Anschlägen. In Teilen der Stadt mit 900 000 Einwohnern sei das Geschäftsleben zum Erliegen gekommen. Die Stadt Jos liegt in Zentralnigeria im Bundesstaat Plateau, an der Nahtstelle zwischen dem christlichen geprägten Süden des Landes und dem mehrheitlich muslimischen Norden.

    Mal sind Christen die Opfer, mal Muslime. Angriffe und Gegenangriffe wechseln sich ab. Allein im vergangenen Jahr kamen bei Unruhen etwa 2 000 Christen und 500 Muslime ums Leben. Die Spannungen zwischen Christen und Muslimen in Plateau hatten sich in der Vergangenheit in regelrechten Gewaltexzessen entladen. An Heiligabend 2010 starben bei Bombenexplosionen und Angriffen auf Kirchengebäude in der Bundeshauptstadt Abuja, die wahrscheinlich von muslimischen Extremisten verübt wurden, mindestens 80 Menschen. Zeitgleich wurden bei sieben Sprengstoffanschlägen in zwei Bezirken von Jos weitere 32 Menschen getötet und 74 verletzt. Seit den Unruhen an Weihnachten starben bei blutigen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen in Jos etwa 200 Menschen. Für einen Teil der Anschläge zeigte sich die radikal-muslimische Gruppe Boko Haram verantwortlich. Sie will das islamische Religionsgesetz im ganzen Land durchsetzen. Im Prinzip gilt die Scharia-Strafgesetzgebung in zivil- und strafrechtlichen Angelegenheiten nur für Muslime und nicht für Christen. Doch Christen in zwölf der 36 Bundesstaaten, in denen die Scharia gilt, erleiden immer wieder Diskriminierungen und intolerantes Verhalten.

    Papst Benedikt XVI. hatte in seiner Neujahrsansprache Frieden und Religionsfreiheit gefordert. Die Menschen sollten „den Schrei der vielen Kriegsopfer – Männer, Frauen, Kinder und Alten – anhören, die das schrecklichste Angesicht der Geschichte sind“, sagte der Papst im Petersdom. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, schrieb in einem offenen Brief an den Erzbischof im nigerianischen Jos, Ignatius Kaigama: „Die Botschaft von Weihnachten ist eine Friedensbotschaft. Wie weit ist Ihr Land an diesen Weihnachtstagen davon entfernt? Gestern haben wir am Stephanustag der verfolgten Christen gedacht. Ich darf Ihnen versichern, dass ich die Christen in Nigeria besonders in mein Gebet mit einschließe. Jedes Mal frage ich mich beim Anblick der Bilder, wie dieser blinde Fanatismus und diese ausufernde Gewaltbereitschaft möglich sein können.“

    Zollitsch hatte Anfang September 2009 Nigeria besucht. Wenngleich sich hinter den Anschlägen an Weihnachten „eine klare religiöse Motivation“ verberge, warnt der katholische Erzbischof von Jos, Ignatius Kaigama, vor dem pauschalen Urteil, die Unruhen in Jos seien religiös motiviert. „Diese Auseinandersetzungen haben sehr wenig mit Religion zu tun. Religion wird hier instrumentalisiert, um leichter ethnische und politische Interessen durchzusetzen“, sagte er gegenüber „missio“.

    Hintergrund des Konflikts ist nach einer Analyse des Internationalen Katholischen Missionswerks der Kirche in Deutschland der Kampf der Volksgruppen um die immer knapper werdenden Ressourcen. In der Stadt Jos selbst wetteifern die Bewohner um Macht und Privilegien, die der Verfassung nach nur einheimischen Volksgruppen zustehen. Sie sind in der Mehrheit Christen. Den zugezogenen Hausa und Fulani, fast alle Muslime, bleibt der Zugang zu wichtigen Ämtern und Bildung verwehrt – auch wenn sie schon seit Generationen in Jos leben. Sie fühlen sich diskriminiert. „Solange dieses Problem nicht gelöst ist, können sich solche Unruhen jederzeit wiederholen“, mahnt Erzbischof Ignatius Kaigama.

    Auch „missio“-Präsident Klaus Krämer, der mit Erzbischof Zollitsch Nigeria 2009 bereist hatte, warnt vor falschem Zungenschlag: „Dieser Konflikt ist kein Religionskrieg, sondern Ausdruck der politischen und moralischen Unfähigkeit der Machthabenden. Sie haben bislang kein Interesse daran, die soziale Ungerechtigkeit in Nigeria zu beheben“, sagte Krämer. „Wie sonst ist es möglich, dass in einem der ölreichsten Länder Afrikas die Mehrheit der Bevölkerung in bitterer Armut lebt?“