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    Jerusalem wählt

    Jerusalem im Wahlkampf: Von großen Plakaten grüßen seit Wochen die Kandidaten, Jugendliche drücken Passanten Wahlwerbung in die Hand, meist dieselbe, die morgens schon aus dem Briefkasten quillt. Heute wird endlich gewählt. Amtsinhaber Nir Barkat, ein säkularer Zionist, wird herausgefordert von Mosche Lion, einem durch seine Kippa erkennbaren orthodoxen Juden und Zionisten, der Israels Rechte hinter sich hat. Aus diesem Grund und nicht, weil Barkat links wäre, unterstützt die Linke den Amtsinhaber. Die Umfragen sagen einen mal mehr, mal weniger deutlichen Sieg Barkats voraus. Allerdings sind sie wenig verlässlich und unterscheiden sich mitunter beträchtlich. Größter Unsicherheitsfaktor ist neben der Mobilisierung des jeweiligen Lagers die ultra-orthodoxe Gemeinschaft. Sie wählt verlässlich so, wie ihre Rabbiner das vorgeben. Unter ihnen hat sich Barkat nicht gerade Freunde gemacht. Der säkulare Jude hat sich massiv dafür eingesetzt, dass die wachsende Minderheit der Haredim genannten Frommen die Stadt nicht weiter übernimmt.

    Ultraorthodoxe Juden gewinnen in der Heiligen Stadt dreier Weltreligionen mehr und mehr an Einfluss. Foto: dpa

    Jerusalem im Wahlkampf: Von großen Plakaten grüßen seit Wochen die Kandidaten, Jugendliche drücken Passanten Wahlwerbung in die Hand, meist dieselbe, die morgens schon aus dem Briefkasten quillt. Heute wird endlich gewählt. Amtsinhaber Nir Barkat, ein säkularer Zionist, wird herausgefordert von Mosche Lion, einem durch seine Kippa erkennbaren orthodoxen Juden und Zionisten, der Israels Rechte hinter sich hat. Aus diesem Grund und nicht, weil Barkat links wäre, unterstützt die Linke den Amtsinhaber. Die Umfragen sagen einen mal mehr, mal weniger deutlichen Sieg Barkats voraus. Allerdings sind sie wenig verlässlich und unterscheiden sich mitunter beträchtlich. Größter Unsicherheitsfaktor ist neben der Mobilisierung des jeweiligen Lagers die ultra-orthodoxe Gemeinschaft. Sie wählt verlässlich so, wie ihre Rabbiner das vorgeben. Unter ihnen hat sich Barkat nicht gerade Freunde gemacht. Der säkulare Jude hat sich massiv dafür eingesetzt, dass die wachsende Minderheit der Haredim genannten Frommen die Stadt nicht weiter übernimmt.

    Immer mehr Wohnviertel kippen, werden durch Zuzug und die hohe Geburtenrate ultra-orthodox geprägt. Am Sabbat werden dann die Zufahrtsstraßen solcher Wohngebiete abgesperrt, vorbeifahrende Wagen als Sabbatschänder häufig mit Steinen beworfen. Überhaupt wollen die Ultra-Orthodoxen die Stadt nach ihren Vorstellungen organisieren. Dazu gehören ein nach Geschlechtern getrennter Nahverkehr und die Einstellung allen öffentlichen Lebens am Sabbat. Die wenigen Restaurants und Kinos, die am jüdischen Ruhetag betrieben werden dürfen, müssten schließen. Barkat hingegen will die Stadt auch für die säkulare oder gemäßigt religiöse Mittelklasse attraktiv machen. Erst kürzlich hat er ein die ganze Woche geöffnetes Freizeitzentrum im alten Bahnhof Jerusalems eröffnet. Ob das hilft, die jährliche Abwanderung tausender säkularer oder gemäßigt religiöser Juden aus der Hauptstadt zu stoppen, ist fraglich. Wahlentscheidend wird indes sein, für wen die Haredim stimmen. Lion kann sich großer Teile dieses Spektrums sicher sein. Manche Rabbiner rechnen aber mit einem Sieg Barkats und wollen es sich nicht ganz mit ihm verscherzen. Sie könnten ihre Anhänger zur Wahl Barkats oder wenigstens zur Wahlenthaltung aufrufen. Keine Rolle spielen indes die arabischen Bewohner der Stadt, immerhin knapp vierzig Prozent der Einwohner, die vor allem im annektierten Osten leben. Sie sind meist keine israelischen Staatsbürger, dürfen aber auf lokaler Ebene wählen. Dennoch boykottieren sie seit 1967 kontinuierlich die Wahlen. Sie protestieren damit gegen die israelische Eroberung Ost-Jerusalems gleichermaßen wie gegen die infrastrukturellen Ungleichgewichte gegenüber dem jüdischen Westen.

    Zur arabischen Bevölkerung gehört auch der Großteil der knapp 15 000 Christen der 800 000-Einwohner-Stadt. Ihre Zahl ist seit einigen Jahren stabil. Die sehr niedrige Geburtenrate und der Wegzug lassen ihren Anteil aber immer geringer werden. Zum Vergleich: 1946 lebten noch über 30 000 Christen in Jerusalem. Nicht-arabische Christen stammen vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion, die nach dem Rückkehrgesetz als Juden gelten, aber orthodoxen Glaubens sind. Hinzu kommen Flüchtlinge aus Äthiopien, Eritrea und dem Sudan. Schwankend ist die Zahl der häufig katholischen Gastarbeiter aus Indien, Sri Lanka und den Philippinen, die als Alten- und Krankpfleger auf Zeit nach Israel kommen. Die größten Probleme haben natürlich die arabischen Christen. Sie sind eine Minderheit in der Minderheit und dem Druck sowohl von Seiten der islamisch geprägten palästinensischen Gemeinschaft Jerusalems als auch radikaler Juden ausgesetzt. Immer wieder beschweren sich christliche Kleriker über ultra-orthodoxe Talmudstudenten, die beim Anblick eines Priesters ausspucken.

    Regelmäßig kommt es auch zur Schändung christlicher Friedhöfe und Kirchen. Den Großteil der Probleme teilen die arabischen Christen indes mit den arabischen Muslimen der Stadt. Wie sie haben sie vielfältige verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Westjordanland. Familienzusammenführung und Eheschließungen mit Christen aus den Gebieten jenseits der Mauer sind aber extrem schwierig. Hinzu kommen wirtschaftliche Probleme und Wohnungsnot. Weihbischof William Shomali, im Lateinischen Patriarchat zuständig für Jerusalem, hat deshalb klare Vorstellungen.

    Dieser Zeitung gegenüber sagt er: „Wir erwarten vom neuen Bürgermeister, dass er allen Bürgern Jerusalems gleiche Dienstleistungen gewährt, vor allem im Bereich Bildung und Wohnungsbau.“ Tatsächlich ist die Wohnsituation prekär. Die Mietpreise sind horrend. Araber, gleich ob Muslime oder Christen, haben oft Schwierigkeiten, zu bauen. Genehmigungen sind ein Politikum und werden kaum erteilt. Viele bauen deshalb illegal und müssen stets mit dem Abriss ihrer Häuser rechnen. Das Lateinische Patriarchat hat deshalb eigene Wohnungsbauprojekte ins Leben gerufen. Kürzlich erst wurden neue Wohnungen im Süden Jerusalems von 72 christlichen Familien bezogen. Im Lauf der Jahre sind so Wohnungen für mehr als 500 christliche Familien entstanden. Weihbischof Shomali lobt Amtsinhaber Barkat für die Zusammenarbeit auf diesem Feld. „Bürgermeister Barkat hat uns zweimal besucht und schien unseren Anliegen gegenüber offen. Er setzte sich persönlich dafür ein, die Wasserversorgung unserer Bauprojekte zu ermöglichen, nachdem sich das bürokratisch in die Länge zog. Dafür sind wir ihm dankbar. Aber wir brauchen mehr Baugenehmigungen.“

    Tatsächlich hat Barkat den Kontakt zu den Christen der Stadt gesucht. Er weiß, dass die Christen zwar nur eine winzige Minderheit seiner Bürger ausmachen. Aber über zwei Drittel der Besucher Jerusalems – jährlich etwa 2,4 Millionen – sind Christen.

    Gute Beziehungen zur lokalen Gemeinschaft sind deshalb auch ein touristischer Faktor. Und den hält Barkat für den wichtigsten Standortvorteil Jerusalems, die zwar die größte, aber auch strukturschwächste und ärmste unter den Metropolen Israels ist. Modernes Event-Management prägt deshalb seine Amtszeit. Ob Formel-1-Rennen, Marathon, Freiluft-Konzerte oder Lichtshows: Ständig finden Veranstaltungen in oder um die Altstadt mit ihren Heiligen Stätten statt – zum Missfallen der Kirchenführer. Weihbischof Shomali: „Jerusalem ist eine dreimal heilige Stadt: für Juden, Christen, Muslime. Jeder Bürgermeister sollte diesen besonderen Status respektieren. Die profanen Veranstaltungen in der Altstadt passen deshalb nicht zum sakralen Charakter Jerusalems.“ John Tleel, ein griechisch-orthodoxer Aktivist und mittlerweile in seinen Achtzigern stehendes stadtbekanntes Urgestein Jerusalems, drückte seinen Unmut angesichts des glitzernden Stadtmarketings so aus: „Man darf einer viertausend Jahre alten Dame keine grelle Schminke ins Gesicht schmieren. Das steht ihr nicht.“