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    Ist Humala ein neuer Lula da Silva oder ein Chávez?

    Jubelnde Anhänger in Lima, ein knappes Statement der gescheiterten Gegenkandidatin, ein jäher Absturz an der Börse und moderate, spürbar um Dialog bemühte Worte des designierten neuen Staatsoberhauptes: In Peru hat der Sieg des Linksnationalisten Ollanta Humala bei der Stichwahl am Sonntag unterschiedliche Reaktionen ausgelöst.

    Anhänger feiern in der peruanischen Hauptstadt Lima den Sieg Ollanta Humalas. Welchen politischen Kurs Humala einschlägt... Foto: dpa

    Jubelnde Anhänger in Lima, ein knappes Statement der gescheiterten Gegenkandidatin, ein jäher Absturz an der Börse und moderate, spürbar um Dialog bemühte Worte des designierten neuen Staatsoberhauptes: In Peru hat der Sieg des Linksnationalisten Ollanta Humala bei der Stichwahl am Sonntag unterschiedliche Reaktionen ausgelöst.

    Schon in der Wahlnacht hatte sich ein knapper Vorsprung Humalas abgezeichnet. Dieser hatte sich daraufhin selbst zum Sieger erklärt, wohingegen seine Kontrahentin Keiko Fujimori darauf beharrte, die endgültigen Ergebnisse abwarten zu wollen. Im Laufe des Montags wurde der Sieg des ehemaligen Offiziers dann bestätigt: Nach Auszählung von 95 Prozent der abgegebenen Wählerstimmen entfielen mehr als 51 Prozent auf Humala als Kandidat der Bewegung „Gana Peru“ („Peru gewinnt“); demgegenüber erhielt Keiko Fujimori, Bewerberin der Strömung „Fuerza 2011“ („Kraft 2011“), rund 49 Prozent der Stimmen.

    Sie gestand inzwischen ihre Niederlage ein: „Ich stelle mich dem Sieg Humalas. Ich erkenne seinen Triumph an“, erklärte sie in einer kurzen Stellungnahme. Zugleich betonte die Tochter von des früheren Präsidenten Alberto Fujimori: „Dies ist der Augenblick, um Brücken zu bauen und den Dialog zu beginnen. Der eigentliche Sieger der Wahl muss Peru sein.“

    Der Sieg Humalas, der sich in der Vergangenheit stark auf Venezuelas radikal-sozialistischen Präsidenten Hugo Chávez bezogen hatte, löste am Montag in Lima einen Erdrutsch an der Börse aus. Nachdem der Leitindex um 12,51 Prozent abgestürzt war, wurde der Handel sogar vorzeitig abgebrochen. Vor allem ausländische Anleger fühlten sich von Humalas kapitalismuskritischen Äußerungen abgeschreckt.

    Perus Wirtschaft konnte unter dem nun scheidenden Präsidenten Alán Garcia in den zurückliegenden Jahren ein beachtliches Wachstum verzeichnen. Nach dem plötzlichen Börsenabsturz und sichtlich negativer Reaktionen vor allem ausländischer Investoren, zeigt sich der künftige Präsident nun bemüht, die Wirtschaft des Landes zu beruhigen. So differenzierte er etwa seine Pläne für eine Umverteilung der Gewinne aus den reichen Rohstoffquellen des Landes zugunsten der armen Bevölkerung: Er habe nicht vor, die Bergbauindustrie als entscheidenden Zweig der peruanischen Ökonomie durch übermäßige Steuererhöhungen zu belasten. Allerdings, fügte der ehemalige Oberstleutnant hinzu, sollten Bergbauunternehmen, die von der für sie günstigen Preisentwicklung für Rohstoffe wie Kupfer am Weltmarkt, profitieren würden, einen Teil ihrer Gewinne in dringend notwendige Sozialprogramme investieren.

    Ein Drittel der Peruaner lebt in extremer Armut

    Tatsächlich konnte nur ein geringer Anteil der Bevölkerung vom Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre profitieren. Nach wie vor lebt rund ein Drittel vor allem der indigenen Einwohner Perus in extremer Armut. In vielen Minen, vor allem in den südlichen Andenprovinzen, kommt es immer häufiger zu sozialen Konflikten. Humala hat erklärt, hier als Präsident vermittelnd wirken zu wollen. Der Chef der Gesellschaft der südlichen Minenbesitzer kündigte trotzdem eine abwartende Haltung an: „Wir wollen sehen, welche konkreten Entscheidungen die neue Regierung für die Zukunft plant.“

    Spürbar ist Humala um ein gemäßigtes Profil bemüht, hat sich mehrfach von seinem einstigen Vorbild Chavez distanziert. Bei Humalas erstem Versuch, die Präsidentschaft zu erlangen, bei den Wahlen im Jahr 2006, hatte er noch deutliche Unterstützung von Seiten des venezolanischen Staatschefs erhalten – und unterlag dennoch gegen Garcia. Beim zweiten Anlauf wollte Humala offensichtlich nicht wieder in die „Chavez-Falle“ tappen. Statt dessen nannte er im Wahlkampf immer wieder Brasiliens Ex-Präsidenten Lula da Silva als großes Vorbild – einen gemäßigten Sozialisten, der durch eine vernünftige Investitions- und Steuerpolitik bei seinem Abgang im Januar 2011 ein wirtschaftlich prosperierendes Land hinterließ.

    Wird Humala also zum Lula Perus, dem es gelingt, sein Land durch einen moderaten, wirtschaftlichen und sozialen Transformationsprozess hindurchzuführen? Im Augenblick herrscht in Peru und auch im Ausland Ungewissheit über den tatsächlichen Kurs des künftigen Präsidenten: Vor allem in den USA gibt es skeptische Stimmen. So zitiert die in Miami erscheinende, spanischsprachige Tageszeitung „El Nuevo Herald“ den Politologen Roberto Izurieta von der George Washington Universität: „Wer ist der wahre Ollanta Humala? Das ist die 1 Million-Dollar-Frage. Wenn ich alles für wahr halte, was Humala gerade zum Ende des Wahlkampfes geäußert hat, könnte ich glauben, dass er ein Präsident wie Lula in Brasilien wird. Es bleibt aber die Sorge, dass seine moderate Haltung nur Taktik war und dazu diente, die Wahlen zu gewinnen.“

    Eine offizielle Stellungnahme aus dem Weißen Haus gibt es bislang nicht, nur eine verhalten positive Äußerung von Arturo Valenzuela, zuständiger Staatssekretärs für die westliche Hemisphäre (und damit für die Beziehungen zu Lateinamerika): „Nach einem erbitterten Wahlkampf hat es geordnete Wahlen gegeben, die mit einem Beinahe-Patt zwischen beiden Kandidaten endeten. Der Verlauf dieses Wahlgangs und das knappe, aber doch unzweideutige Ergebnis erscheinen als Beleg für die Reife der peruanischen Demokratie.“

    Noch vor seinem offiziellen Amtsantritt zeigt sich Humala besonders bemüht, die regionalen Beziehungen zu den lateinamerikanischen Nachbarn zu verbessern. In verschiedenen Ansprachen betonte er die notwendige Einheit der lateinamerikanischen Staaten. In dieser Woche beginnt er eine Rundreise, die ihn nach Brasilien, Argentinien, Bolivien, Kolumbien, Venezuela und nach Chile führen wird.

    Der Besuch in Chile ist von besonderer Bedeutung. Denn die diplomatische und geopolitische Lage zwischen den Nachbarstaaten gestaltet sich zur Zeit immer schwieriger. Ohnedies sind die Beziehungen zwischen beiden Ländern historisch belastet seit dem Salpeterkrieg von 1879 bis 1884. Damals verlor Peru Teile seines Territoriums an Chile. In jüngster Zeit haben sich die Beziehungen weiter verschärft durch eine Klage Perus gegen Chile beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Beschränkung von Land- und Seerechten im Grenzgebiet. Diese Frage ist inzwischen zu einem strategischen Ringen zwischen beiden Staaten geworden. Humala hat bereits angekündigt, möglichst rasch ein Team von Anwälten für das bevorstehende Verfahren in Den Haag zusammenzustellen. Aber vielleicht kann bereits sein erster Besuch in Santiago de Chile helfen, das Terrain für eine Lösung schon im Vorfeld zu sondieren. Chiles konservativer Staatschef Sebastian Piòera äußerte die Hoffnung, dass „die Wahlen in Peru dazu beitragen, die Beziehungen zwischen beiden Staaten zu festigen.“