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    Islamisierung oder Neuevangelisierung?

    Im Büro von Staatspräsident Fatmir Sejdiu hängt über dem Kamin ein riesiges Foto, das den früheren Präsidenten Ibrahim Rugova – im Westen wegen seines gewaltlosen Wegs als „Ghandi des Kosovo“ bezeichnet – mit Papst Johannes Paul II. zeigt. Über dem Sims des Kamins steht eine Büste von Mutter Teresa. Sie ist auch mit einem Foto präsent, das der Präsident von seinem Schreibtisch aus im Blick hat. Nicht nur für die katholische Minderheit des Landes, sondern für alle nationalbewussten Kosovaren ist die in Skopje geborene Kosovo-Albanerin Mutter Teresa eine Identifikationsfigur.

    Im Büro von Staatspräsident Fatmir Sejdiu hängt über dem Kamin ein riesiges Foto, das den früheren Präsidenten Ibrahim Rugova – im Westen wegen seines gewaltlosen Wegs als „Ghandi des Kosovo“ bezeichnet – mit Papst Johannes Paul II. zeigt. Über dem Sims des Kamins steht eine Büste von Mutter Teresa. Sie ist auch mit einem Foto präsent, das der Präsident von seinem Schreibtisch aus im Blick hat. Nicht nur für die katholische Minderheit des Landes, sondern für alle nationalbewussten Kosovaren ist die in Skopje geborene Kosovo-Albanerin Mutter Teresa eine Identifikationsfigur.

    Über Rugova sagt der Präsident: „Wir haben die gleiche politische Philosophie.“ Viele halten Sejdiu deshalb für den logischen Erben Rugovas, und der Staatspräsident sieht sich so sehr in dessen Tradition, dass er im Präsidentenbüro keine Veränderungen vornahm. Es gab das Gerücht, Ibrahim Rugova, die Symbolfigur des gewaltlosen Kampfes um die Freiheit des Kosovo, sei vor seinem Tod vom Islam zur katholischen Kirche konvertiert. Doch das will niemand bestätigen und niemand dementieren. Bestattet wurde Rugova mit einem Staatsakt ohne religiöse Zeremonie. Sein Grab auf einer Anhöhe über der stetig wachsenden Metropole Pristina weist keine religiöse Symbolik auf. Er gehöre dem ganzen Volk, begründet dies eine Mitarbeiterin des Präsidenten.

    So wie auch die am 17. Februar proklamierte Unabhängigkeit von Serbien dem ganzen Volk gehören soll: „Die Unabhängigkeit ist die größte Errungenschaft unserer Geschichte. Wir freuen uns über diese historische Situation“, sagt Präsident Sejdiu im „Tagespost“-Interview. „Es ist uns klar, dass wir noch viele Herausforderungen vor uns haben. Wir können nicht rasch ein Paradies schaffen, sondern es wird Zeit brauchen, bis wir die Herausforderungen meistern.“ Wie andere Politiker gibt sich auch der Präsident zuversichtlich hinsichtlich der ökonomischen Entwicklung, verweist auf die natürlichen Ressourcen und die sehr junge Bevölkerung. Die kosovarische Diaspora hat viel im Land investiert. Auf die Frage, wie er einen ausländischen Unternehmer gewinnen wolle, im Kosovo zu investieren, meint der Präsident: „Dazu brauchen Sie Mut! Aber wir werden Ihre Finanzen nicht missbrauchen.“

    Sejdiu hat Argumente, um anzunehmen, dass Kosovo kein zweites Bosnien-Herzegowina wird, wo 13 Jahre nach dem Friedensvertrag von Dayton weiterhin die internationalen Vertreter regieren. „Die internationale Präsenz wird früher enden als viele meinen. Unsere Unabhängigkeit wird von 90 Prozent der Bevölkerung unterstützt.“ Davon kann in Bosnien keine Rede sein. Auch können Emigranten, die aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen das Kosovo verließen, jederzeit heimkehren, was Kroaten und Muslimen, die aus der „Republika Srpska“ vertrieben wurden, bis heute verwehrt ist.

    Präsident Sejdiu hofft, dass Serbien die Realität akzeptiert

    Präsident Sejdiu glaubt nicht, dass es zu einem neuen Krieg kommt. Es gebe auch in Serbien Leute, „die bereit sind, die Realitäten zu akzeptieren“. Sogar in den serbischen Enklaven im Kosovo gebe es Kooperationsbereitschaft. Weniger dagegen im serbisch dominierten Mitrovica, im Norden des Landes: Zuletzt mussten hier am Samstag nach einer Bombendrohung KFOR und Polizei ausrücken. Sie fanden drei Kilo TNT-Sprengstoff.

    Obgleich die Albaner mehr als 90 Prozent der Einwohner stellen, sind die sechs Sterne auf der neuen Staatsflagge, welche für die sechs Völker des Landes stehen, alle gleich groß. Ob solch politisch korrekte Symbolik zur Integration des Landes beiträgt, darf man bezweifeln. Weiterhin werden die serbischen Kinder in serbischen Schulen auf Serbisch unterrichtet. „Albaner und Serben im Kosovo könnten sich künftig ja auf Englisch unterhalten“, meint ein junger Mann. Nach Jahrzehnten der Unterdrückung ist bei den Kosovaren alles Serbische äußerst unbeliebt. Kein Wunder, dass manche traditionsreichen serbisch-orthodoxen Klöster von hohen Mauern umgeben und von KFOR bewacht werden. Das Kloster Decani kann man nur mit Genehmigung der Nato-Truppen besuchen.

    Bischof Gjergji vertraut auf die Autorität der katholischen Kirche

    Der Apostolische Administrator von Prizren, Bischof Dode Gjergji, sieht im gesellschaftlichen Umbruch eine Herausforderung zur Neuevangelisierung: „Wir müssen kämpfen für die moralischen Werte und die Menschlichkeit. Wir leben hier in einer traditionellen Familiensituation, das hat sich auch durch die türkische Zeit erhalten.“ Trotz der osmanischen Herrschaft sei der Islam kaum in die Bevölkerung eingedrungen, meint der einzige katholische Bischof des Kosovo gegenüber der „Tagespost“. Die Albaner seien immer zunächst Albaner. Auch wo sie den Islam angenommen haben, wüssten sie wenig damit anzufangen. „Heute sind die christlichen Werte für manche jungen Leute Geschichte, die islamischen Werte werden nicht mehr akzeptiert und nun kommen die liberalen Weltanschauungen.“

    Andere, wie der bei Prizren tätige deutsche Jesuit Walter Happel, warnen vor einer Islamisierung des Landes. Staaten wie Saudi-Arabien bezahlen dafür, dass Frauen Kopftuch tragen und junge Leute die Moschee besuchen. Vor den „Taliban mit Krawatte“ warnt ein albanischer Jurist. Allerdings hat bisher kein einziger islamischer Staat die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt.

    Mit der serbischen Orthodoxie hat Bischof Gjergji seine Schwierigkeiten. Die serbischen Bischöfe würden die Situation im Kosovo völlig anders sehen, obwohl ihre Kirche in osmanischer Zeit eher privilegiert gewesen sei, während die katholische Kirche ihre Märtyrer hatte. „Sie sind in der Mythologie eingesperrt und kommen nicht heraus“, sagt der Bischof über seine orthodoxen Kollegen. „Für die Kosovo-Serben gibt es ein psychologisches Problem. Sie wollen das Kosovo haben – für Serbien, aber nicht für die Kosovaren.“ Die Katholiken mit ihren 47 Priestern und wenigen Ordensschwestern stellen nur vier Prozent der Einwohner. „Aber eine moralische Autorität sind wir schon!“, ist der Bischof überzeugt.

    Von Stephan Baier