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    Iran ist kein apokalyptischer Akteur

    Herr Kosten, der Streit um das iranische Atomprogramm eskaliert zusehends. Der Iran hat angedroht, notfalls die Straße von Hormuz zu sperren und auch Raketentests durchgeführt.

    ist Iran-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Foto: Archiv

    Herr Kosten, der Streit um das iranische Atomprogramm eskaliert zusehends. Der Iran hat angedroht, notfalls die Straße von Hormuz zu sperren und auch Raketentests durchgeführt. Ist das Säbelrasseln Teherans ernst zu nehmen?

    Teheran möchte mit solchen Aktionen nach außen hin zeigen, dass es ein wichtiger Akteur in der Region ist und die gegen ihn angedrohten und verabschiedeten Sanktionen nicht ohne weiteres hinnehmen wird. Die widersprüchlichen Aussagen von Seiten Teherans zeigen aber klar, dass es durchaus fraglich ist, ob die Drohungen wirklich wahrgemacht werden.

    Wie lässt sich die aktuelle Interessenbekundung aus dem iranischen Außenministerium, die Atomgespräche wieder fortführen zu wollen, in diesem Kontext erklären?

    Es gibt verschiedene Interessen sowie Fraktionen innerhalb der iranischen politischen Elite. Dem Iran liegt natürlich viel daran, über sein Atomprogramm zu verhandeln. Das Atomprogramm spielt eine zentrale Rolle für die Wahrnehmung des Landes als Regionalmacht. Abgehaltene militärische Manöver und scharfe Rhetorik nach außen hin gehören dazu.

    Aber grenzt es nicht an Wahnsinn, einen Konflikt mit den USA und dem Westen eskalieren zu lassen?

    Man muss zwei verschiedene Dinge sehen. Auf der einen Seite haben wir Äußerungen in der Öffentlichkeit, auf der anderen Seite gibt es Informationen hinter den Kulissen. Die Iraner wissen genau, dass sie keine Chance haben, wenn es zu einer direkten militärischen Eskalation mit den USA und Israel käme. Zugleich wissen die USA und hoffentlich auch Israel, dass sie nicht ohne weiteres Iran angreifen können. Eine militärische Aktion würde das Problem des Atomprogramms mit Sicherheit nicht lösen. Sorgen bereitet mir allerdings, dass man in den letzten Tagen beobachten konnte, wie sich die Rhetorik beider Seiten verselbstständigt hat. Es besteht momentan durchaus die sehr reale Gefahr, dass diese Rhetorik im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu einer Eskalation führt. In der Öffentlichkeit achtet man doch sehr stark auf die gegenseitige Dämonisierung, aber weniger darauf, wie man deeskalierend handeln könnte. Dabei ist die Außenpolitik des Iran im Gegensatz zu den öffentlichen Äußerungen immer sehr pragmatisch gewesen. Der Iran agiert auf der internationalen Arena alles andere als ein apokalyptischer Akteur und nur auf Chaos zusteuerndes Regime, wie es einige Anhänger von Ahmadinedschad kommunizieren.

    Welche deeskalierende Möglichkeiten sehen Sie hier noch?

    Ein Punkt, der auch bereits von ranghohen amerikanischen Militärvertretern genannt wurde ist, die Kommunikation zwischen dem Iran und den amerikanischen Streitkräften zu erhöhen. Fraglich bleibt aber, ob man derartige Forderungen auch angesichts der bisherigen Rhetorik umsetzt.

    Hat die EU überhaupt Einfluss auf den Iran?

    Die EU ist definitiv ein wichtiger internationaler Verhandlungspartner für den Iran. Auf Seiten des Iran bestehen große Handelsinteressen mit der EU und einzelnen EU-Staaten. Und auch die EU ist an einem Krieg im Nahen Osten nicht interessiert. Der Iran hat aber auch sicherheitspolitische Ziele und Ambitionen, und das betrifft die Beziehung des Iran zu den USA. Der Iran versucht, zwischen diesen beiden Interessen hin- und herzupendeln. Es kommt dann zu einem Verhandlungsschachspiel mit vielen Verzögerungstaktiken, in dem der Iran besonders gut ist. Nach Gesprächsankündigungen dauert es deshalb meist sehr lange, bis es zu einem Termin kommt, dann werden Vorbedingungen genannt, die inakzeptabel sind für die Verhandlungsgruppe der EU-Staaten und Russland, China und den USA. Damit gewinnt Teheran Zeit und demonstriert Stärke. Es ist eine Melange an Interessen, die hier hineinspielen. Das macht es so schwierig.