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    Instrumentalisierung droht

    Bonn/Berlin (DT/KNA) Der Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes zur Intersexualität öffnet Spielraum für verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Dies unterstreichen die Reaktionen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Je nach weltanschaulichem Hintergrund werden andere Konsequenzen gefordert.

    Kampf um drittes Geschlecht
    „Mein Körper – meine Wahl“: Ob Mann, Frau oder Intersexuell – Für die meisten ist ihr Geschlecht biologisch determiniert... Foto: dpa

    Bonn/Berlin (DT/KNA) Der Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes zur Intersexualität öffnet Spielraum für verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Dies unterstreichen die Reaktionen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Je nach weltanschaulichem Hintergrund werden andere Konsequenzen gefordert.

    Auch die Deutsche Bischofskonferenz hat eine Erklärung abgegeben. „Im Regelfall ist die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht dem Menschen vorgegeben; sie gehört zu den Naturbedingungen, unter denen er seine Selbstbestimmung ausübt und sein personales Dasein vollzieht. Wenn bei einem Menschen eine eindeutige Zuordnung zu der binären Einteilung als Frau oder Mann nicht möglich ist, darf er nicht durch rechtliche Vorschriften oder gesellschaftliche Gewohnheiten dazu gezwungen werden, sich entgegen seinen eigenen Empfindungen einem Geschlecht zuzuordnen, das nicht zu ihm passt. Gegenüber dem vollständigen Verzicht auf eine Selbstaussage über das Geschlecht ist es dann aber besser, eine positive Zuordnung zu wählen. Vor diesem Hintergrund ist der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 08.11.2017 nachvollziehbar“, erklärte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, gegenüber dieser Zeitung.

    Volker Beck, bis zu letzten Wahl Abgeordneter der Grünen im Bundestag und dort zuletzt deren kirchenpolitischer Sprecher, erkennt in dem Urteil vor allem das Zeichen einer vermeintlichen gesellschaftlichen Modernisierung. Er bezeichnete das Urteil als „einen Meilenstein für die Rechte der Intersexuellen“. In dieser Debatte gehe es auch um Respekt vor der Identität der Menschen und um die Berücksichtigung moderner humanwissenschaftlicher Erkenntnisse, erklärte er gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Das fällt der Union aus ideologischen Gründen bislang schwer. Deshalb muss immer wieder das Bundesverfassungsgericht dem denkfaulen Gesetzgeber auf die Sprünge helfen.“ Als nächsten Schritt fordert Beck: Das sogenannte „dritte Geschlecht“ müsse entweder gesetzlich normiert werden oder es müsse generell auf Geschlechtseinträge verzichtet werden. Die Intersexuellen seien viel zu lange gesellschaftlich wie politisch ignoriert worden, fügte er hinzu.

    Moritz Schmidt von der Kampagne „Die dritte Option“, einer Initiative, die sich als Interessenvertretung der Menschen sieht, die sich als intersexuell verstehen, deutet den Beschluss ebenfalls positiv: „Für uns heißt das Urteil, dass Betroffene sagen können, wir existieren und wir haben Persönlichkeitsrechte, und sowohl der Gesetzgeber als auch die Gesellschaft kann uns nicht mehr einfach ignorieren, sondern wir sind da“, erklärte er gegenüber dem Deutschlandfunk. Aber auch Schmidt sieht in dem Beschluss nur einen ersten Schritt: Da sei etwa die Frage nach der gesellschaftlichen Akzeptanz, die „nicht einfach durch ein Urteil herbeizuführen ist“. Befassen müsse sich die Gesellschaft auch mit „unnötigen Operationen an Kleinkindern, um ihnen ein Geschlecht zuweisen zu können“. Für Manuela Schwesig, die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern und ehemalige Bundesfamilienministerin, soll die Debatte, die der Beschluss aufgeworfen hat, weitergeführt werden. Die Sozialdemokratin rief dazu auf, die Diskussion nicht auf die Frage zu reduzieren, wie viele verschiedene öffentliche Toiletten es geben muss. „Das wird den Menschen, um die es geht, nicht gerecht“, sagte sie gestern den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

    Es gehe insgesamt um mehr Akzeptanz in der Gesellschaft. Die Ministerpräsidentin lobte das Urteil. Es sei für Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann sehen, „ein Schritt in Richtung Normalität“. Nun könne ein Bewusstsein dafür entstehen, dass es Menschen gibt, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen. Sie wollten in ihrer Identität akzeptiert werden.

    Der bisherige Verlauf der Debatte zeigt dabei, dass es je nach gesellschaftlicher Gruppe auch unterschiedliche Definitionen von Intersexualität gibt. Eine gemeinsame Grundlage könnte sein, was der Deutsche Ethikrat im Februar 2012 in einer rund 200-seitigen Stellungnahme dazu formuliert hat. Doch auch hier gibt es Stimmen von Kritikern, die in dem Dokument keine neutrale Stellungnahme sehen. Sowohl von Seiten der Kritiker des aktuellen Beschlusses, wie auch von denen, die in dem Gerichtsentscheidung nur einen ersten Schritt für eine weitere Entwicklung sehen.

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