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    Indonesien auf dem Weg in einen islamischen Staat?

    Ausgerechnet der größte der 57 mehrheitlich islamischen Staaten ging jahrzehntelang mit gutem Beispiel voran: In Indonesien mit 240 Millionen Einwohnern und 85 Prozent Muslimen, prägte ein toleranter und liberaler Islam den Alltag. Auch europäische Muslime berufen sich immer wieder darauf.

    Demonstration gegen Bau katholischer Kirche
    Gewaltsam protestierten Muslime am vergangenen Freitag in Bekasi gegen den Bau einer katholischen Kirche. Foto: dpa

    Ausgerechnet der größte der 57 mehrheitlich islamischen Staaten ging jahrzehntelang mit gutem Beispiel voran: In Indonesien mit 240 Millionen Einwohnern und 85 Prozent Muslimen, prägte ein toleranter und liberaler Islam den Alltag. Auch europäische Muslime berufen sich immer wieder darauf.

    Zwar gab es nach dem Ende der niederländischen Kolonialzeit 1945 Versuche, den Islam zum Maßstab des gesellschaftlichen Lebens zu machen, doch die Väter der Unabhängigkeit – allen voran der erste Präsident Achmed Sukarno – sind dem entschieden entgegengetreten. Pancasila, auf Deutsch die „Fünf Prinzipien“, heißt das Zauberwort für die religiöse und soziale Harmonie. Diese Staatsideologie schreibt den Glauben an einen Gottes vor, doch wie dieser von den jeweiligen Gläubigen genannt wird, spielt keine Rolle. Selbst die gewiss nicht monotheistischen Hindus auf Bali und die Minderheit der etwa zwei Millionen Buddhisten, die an gar keinen Schöpfergott glauben, fallen darunter. So gibt es in Indonesien vieles, was in anderen islamischen Ländern kaum vorstellbar ist, wie den Bau von Gotteshäusern und Religionsunterricht für alle Bekenntnisse, keine Kleidervorschriften, keine religiösen Regeln als Vorgaben für weltliche Gesetze (Scharia) und Glaubenswechsel in jede Richtung.

    Letzteres ist besonders bemerkenswert, denn ein Abfall vom Glauben ist für Muslime nach dem Verständnis des Korans nicht möglich. In neun islamischen Staaten schreibt das Gesetz für einen solchen Schritt sogar die Todesstrafe vor, und selbst in gemäßigten Staaten, die sich nicht an der Scharia orientieren, drohen Anklage und Gefängnis.

    Doch in dem südostasiatischen Inselstaat vollzieht sich ein rasanter Wandel hin zum religiösen Totalitarismus. Schon seit Jahren herrscht unter den religiösen Minderheiten – von denen die Christen mit knapp zehn Prozent die stärksten sind – die Sorge, radikale Muslime könnten Oberwasser gewinnen und die vorbildlichen Prinzipien rückgängig machen. Die zumeist hinter vorgehaltener Hand geäußerte Befürchtung ist inzwischen Realität. Besonders deutlich wurde dies bei der Wahl zum Gouverneur der Hauptstadt Jakarta; die Ursachen aber liegen tiefer.

    Der amtierende Gouverneur Basuki Purnama, genannt Ahok, gehört einer doppelten Minderheit an, er ist Chinese und Christ – und extrem populär. Seine volksnahe Art sowie sein entschiedenes Vorgehen gegen die weit verbreitete Korruption überzeugen auch viele Muslime; vergleichbar mit Rotterdam oder London, wo populäre muslimische Bürgermeister die Geschicke der Stadt lenken. Im Februar dieses Jahres musste sich Ahok der Wahl stellen. Noch vor Jahresfrist galt der Urnengang als Formsache.

    Radikalen Muslimen, die in der „Front zur Verteidigung des Islam“ (FPI) eine Heimat haben, war der populäre Christ schon immer ein Dorn im Auge. Lange Zeit lief ihre Agitation in der weltoffenen Metropole ins Leere. Doch dann fand die FPI eine Wahlkampfäußerung Ahoks, die sie als „Blasphemie“ brandmarkte. Die Justiz akzeptierte die manipulierte Anklage, der Prozess läuft noch. Und die FPI rekrutiert immer mehr ihrer fanatischen Anhänger. Waren es zunächst nur einige Zehntausend, die den Demonstrationsaufrufen folgten, fanden sich kurz vor der Wahl Hunderttausende weiß Gekleidete in der Hauptstadt ein, um gegen Ahok und für einen radikalen Islam Stimmung zu machen.

    Beim ersten Wahlgang verfehlte Ahok mit 43 Prozent die absolute Mehrheit. Im April muss er sich einem zweiten Wahlgang stellen.

    Die FPI und andere Organisationen denken langfristig und investieren viel in die Erziehung. Allein auf der Insel Java gibt es über 14 000 Pesantren, islamische Internate, die immer mehr unter arabischen Einfluss geraten, weil von dort viel Geld fließt. In die andere Richtung schreibt sich eine wachsende Zahl indonesischer Studenten an arabischen Universitäten ein. Die Entwicklung zeigt die ganze Komplexität der Gesellschaft: Der autoritäre Sukarno sowie sein totalitärer Nachfolger Suharto waren die Garanten religiöser Toleranz und Vielfalt. Sie unterbanden die engen Kontakte zu den radikalen Muslimen Arabiens. Diese jedoch nutzen die neuen Freiräume als erste. Innerhalb von sechs Monaten nach Suhartos Sturz 1998 wurden 42 radikal-islamische Organisationen gegründet, darunter die FPI. Sie machen keinen Hehl aus ihren Zielen: Der FPI-Chef Rizieq stellt öffentlich die Pancasila in Frage. Seine Anhänger stürmen Supermärkte und Einkaufszentren, um den Verkauf von Weihnachtsdekoration oder anderen Produkten zu verhindern, die sie als unislamisch betrachten. Und die Anklagen unter dem Blasphemie-Gesetz explodieren förmlich. In den ersten knapp 60 Jahren seit der Unabhängigkeit ist es 25 Mal angewandt worden. Im letzten Jahrzehnt bereits zehnmal so häufig.

    Appelle der Gemäßigten, etwa Sukarnos Tochter Megawati Sukarnoputri, sich der Islamisierung zu widersetzen, verhallen in der Weite des Inselstaats.

    Die zunehmende Intoleranz findet viele Ausdrucksformen, manche unspektakulär, aber nicht weniger nachhaltig. In Mojoranu, Zentral-Java, mussten die Christen erleben, wie sich die Bedingungen verändern. Als dort eine Kirche gebaut wurde, durfte das nur unter der Auflage geschehen, dass sie mindestens 200 Meter von der nächsten Moschee entfernt sein müsse. Das war kein Hindernis, doch im Laufe der Jahre wurde nur 50 Meter entfernt eine neue Moschee errichtet. Christen und Muslime harmonierten lange miteinander. Doch als die Kirchengemeinde eines Tages daran ging, ihr Gotteshaus grundlegend zu erweitern, erlebte sie eine böse Überraschung. Nach dem Abriss tauchten Vertreter der Verwaltung auf und erklärten der verblüfften Gemeinde, dass ein Neubau nicht infrage käme, da sich in nur 50 Meter Entfernung eine Moschee befinde.

    Auch die relativ leichte Abkehr vom Islam ist ein wichtiger Punkt der radikalen Agitation. Zwar wurden die gesetzlichen Grundlagen (noch) nicht angetastet, aber die alltägliche Praxis ändert sich merklich. Ein Wechsel weg vom Islam ist heute bei weitem nicht mehr so einfach wie vor zwanzig Jahren. Es dauert Monate, bis der Staat einen solchen Schritt anerkennt und in den Papieren festhält. Auch die Umgebung reagiert häufig mit Anfeindungen. Der Übertritt zum Islam wird dagegen mit einem zehnminütigen Akt und dem Glaubensbekenntnis besiegelt.

    Die fragwürdigen Früchte der Agitation reichen bis in die Familien hinein: „Es gibt Jugendliche, die von der Universität nach Hause zurückkehren und ihrer Mutter vorwerfen, ,du bist keine gute Muslima, weil du kein Kopftuch trägst‘, oder ,du bist keine gute Muslima, weil du nicht jeden Tag betest. Du stehst außerhalb der Glaubensgemeinschaft‘“, beklagt Pater Brevoort aus Medan, der Metropole von Sumatra.

    Nur wenige hundert Kilometer nördlich von Medan zeigt sich, wohin die Entwicklung noch gehen kann. In der halbautonomen Provinz Aceh hat das Regionalparlament die Scharia bereits im September 2009 eingeführt; andere Regionen sind dem Beispiel gefolgt. Dazu gehören öffentliches Auspeitschen für Ehebruch, Stockhiebe oder Gefängnis für außereheliche und gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen, unislamische Kleidung sowie Alkohol – und eine allgegenwärtige Sittenpolizei. Auch alle Nicht-Muslime fallen unter die Scharia.

    Die Empörung über die Entwicklung im islamischen Musterstaat hält sich auch bei europäischen Muslimen in engen Grenzen.