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    „In Nahost ist alles politisch“

    Pater Custos, Sie haben sich von Anfang gegen eine Nominierung der Geburtskirche als Weltkulturerbe ausgesprochen, weil sie eine Politisierung der Heiligen Stätte befürchteten. Exakt das ist jetzt auf Weltebene eingetreten. Ja, leider. Aber das war klar: In Nahost ist alles politisch.

    ist Custos des Heiligen Landes. Foto: KNA

    Pater Custos, Sie haben sich von Anfang gegen eine Nominierung der Geburtskirche als Weltkulturerbe ausgesprochen, weil sie eine Politisierung der Heiligen Stätte befürchteten. Exakt das ist jetzt auf Weltebene eingetreten.

    Ja, leider. Aber das war klar: In Nahost ist alles politisch. Per se ist es ja keine schlechte Idee, die Geburtskirche zum Weltkulturerbe zu erklären. Was wir, das heißt die Verwalter der Geburtskirche, die Kustodie der Franziskaner, der griechisch-orthodoxe Patriarch und der armenische Erzbischof, allerdings in einem Schreiben an Präsident Abbas im April kritisiert haben, war die Art und Weise, wie dies geschehen ist. Es ist unserer Meinung nach zu früh gewesen für diesen Schritt. Aber nun ist es passiert. Jetzt müssen wir damit umgehen. Verstehen Sie mich bitte richtig: Das ist nicht gegen die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) gerichtet. Unsere Beziehungen sind hervorragend. Es geht uns aber um das Prinzip: Die Heiligen Stätten, in Bethlehem und im ganzen Heiligen Land, sollten nicht politisiert werden, egal von welcher Seite.

    Hat Sie die Palästinensische Autonomiebehörde im Vorfeld informiert, die Geburtskirche nominieren zu wollen?

    Ja. Die PA hat sich uns gegenüber immer korrekt verhalten. Wir waren zu jedem Zeitpunkt der Entscheidung und des Antrags informiert.

    Aber Ihre Zustimmung war nicht nötig.

    Nein, weil es ja nicht nur die Geburtskirche allein war, für die der Weltkulturerbeantrag gestellt wurde, sondern die ganze Bethlehemer Altstadt, die natürlich die Geburtskirche als wichtigste Stätte umfasst. Wäre es nur um die Geburtskirche gegangen, wäre unsere Zustimmung unerlässlich gewesen. In diesem Fall aber nicht. Tatsächlich haben sie um unsere Zustimmung gebeten, die wir aber nicht erteilt haben.

    Das hat die PA aber nicht abgehalten.

    Nein. Und das wussten wir von Anfang an. Im Treffen mit Präsident Abbas waren wir Kirchenvertreter aber sehr klar und transparent. Präsident Abbas wusste das zu schätzen und hat uns in einem sehr schönen Schreiben nach dem Treffen versichert, dass der Status quo und die Leitung der Geburtskirche garantiert seien und nicht angetastet würden.

    Halten Sie das für glaubwürdig?

    Was die Person von Präsident Abbas angeht, ja, unbedingt. Die Frage ist aber, was in zwanzig Jahren sein wird. Wir müssen hier in größeren Zusammenhängen denken.

    Befürchten Sie, dass Israel jetzt nachzieht?

    Früher oder später wird auch Israel etwa die Heiligen Stätten in Galiläa als Weltkulturerbe nominieren wollen und um unsere Zustimmung bitten. Wir müssen dann aber konsequent sein. Wenn in diesem Land einmal die Lage eine andere ist, können wir darüber reden. Solange aber alles politisiert wird, wollen wir unsere Heiligen Stätten davor schützen, egal, ob sie in Israel liegen oder auf dem Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde.

    Der Außenminister der PA, Riad Malki, hat Israel vorgeworfen, dass durch die Besatzung die Geburtskirche bedroht sei. Israel hat entgegnet, dass niemand die PA daran hindere, die nötigen Reparaturen zu unterstützen. Wer hat Recht?

    Keiner von beiden. Diese gegenseitigen Beschuldigungen sind Teil des Spiels. Für die Erhaltung der Geburtskirche sind allein die

    Kirchen zuständig, die das Heiligtum betreuen, nicht die PA. Die Geburtskirche ist in dem bedauernswerten Zustand, in dem sie ist, durchaus auch aufgrund der Schwierigkeiten und der Uneinigkeit zwischen den Kirchen. Die eine Kirche spricht der anderen das Recht ab, diesen oder jenen Schritt innerhalb der Kirche und ihrer Erhaltung zu unternehmen. Am Geld liegt es ja nicht, dazu ist die Geburtskirche zu prominent. Sobald es ein konkretes Restaurierungsprojekt gibt, würden das die Gläubigen aus aller Welt unterstützen. Sie sehen also: Wären die Kirchen sich einig, wären die dringend nötigen Reparaturen etwa am Dach, das leck ist, leichter durchzuführen. Die PA hat sich dazu in der Vergangenheit schon eingeschaltet. Jetzt wird sie das verstärkt tun. Das ist der einzige Weg, die Situation zu lösen.